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Flutkatastrophe in Asien

Geographie komplett verändert  

Rettungskräfte sollen am 30.12.2004 auch die letzten der seit der Flutkatastrophe von der Außenwelt abgeschnittenen indischen Inseln der Andamanen und Nikobaren erreichen.
 
Die Behörden konnten eigenen Angaben zufolge zu einem Großteil der rund drei Dutzend bewohnten Inseln im Indischen Ozean Kontakt herstellen. Auf den verbliebenen drei Inseln werden jedoch noch bis zu 3.000 Opfer der verheerenden Katastrophe vermutet.
 
"Die Situation auf einigen der Inseln, zu denen wir Kontakt herstellen konnten, ist wirklich sehr, sehr ernst", sagte der für die Region zuständige Polizeichef. "Die Menschen haben sich in den vergangenen 60 Stunden von Kokosnüssen ernährt. Aber die Kokosnüsse werden nicht ewig reichen. Wir müssen diesen Menschen dringend Nahrung bringen."
 
Die meisten der Inseln, die am zweiten Weihnachtsfeiertag von den Tsunamis überrollt wurden, boten den Einwohnern kaum höher gelegene Zufluchtsorte. Allein auf zwei Inseln der Nikobaren hat es Schätzungen der Behörden zufolge mindestens 7.000 Tote gegeben. Damit könnten in Indien 17.000 Menschen gestorben sein.

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 Jeder fünfte Bewohner der gesamten Inselgruppe der Nikobaren mit etwa 50.000 Einwohnern gelte als tot oder werde vermisst, sagte der Polizeichef. "Die Einwohner einer Insel haben uns berichtet, dass sie anfingen zu rennen, als das Wasser kam. Ihnen blieb keine Zeit. Jeder, der stolperte oder stehen blieb, um ein Kind auf den Arm zu nehmen, wurde einfach fortgespült."
 
Die Überlebenden kamen auch am dritten Tag nach der Katastrophe nicht zur Ruhe. In Panik strömten die Menschen schreiend auf die Straße, als die Stadt Port Blair am Morgen von einem Erdbeben der Stärke 5,0 auf der Richterskala erschüttert wurde.
 
Viele der Inseln der Nikobaren und Andamanen werden von einheimischen Volksstämmen bewohnt. Um die aussterbenden Stämme zu schützen, durften nur wenige Besucher die Inseln betreten. Jetzt, so befürchten die Behörden, könnten ganze Stämme von den Fluten vernichtet worden sein.
 
Auch die Geographie der Inselgruppen hat sich komplett verändert. Die Insel Trinket sei durch das Beben auseinander gebrochen. "Wo zuvor eine Insel war, sehen wir jetzt zwei. An einer Stelle steht ein Baum ganz allein im Ozean", berichtete der Polizeichef.
 
Insgesamt starben durch die Katastrophe in Südasien und Afrika mindestens 68.000 Menschen. Rund ein Drittel von ihnen waren Kinder. Es wird befürchtet, dass die zahl der Toten auf 80.000 steigen könnte.

Uralte Stämme ausgelöscht  

Unter den britischen Kolonialherren und der indischen Regierung kämpften die Eingeborenenstämme um ihr Überleben - und starben dabei fast aus. Nun könnte es sein, dass sie den Kampf auf den Andamanen und Nikobaren gegen einen ganz anderen Eindringling verloren haben. Das Schicksal der Eingeborenen ist auch am Mittwoch unklar gewesen, die verheerenden Flutwellen könnten manchen Stamm vollständig ausgelöscht haben. Ausgelöscht wäre damit auch ein bedeutendes Stück Menschheitsgeschichte.
 
Sechs von einst zehn Stämmen leben auf ihren verschiedenen Inseln im Golf von Bengalen, manche von ihnen haben sich bis heute jedem Versuch, sie zu "zivilisieren", versperrt. Sie sind Jäger und Sammler, von kurzer Statur und mit dunkler Haut, ihre Herkunft ist ein Geheimnis. Ihre Sprachen sind mit keiner anderen auf der Welt verwandt. Der Stamm der Sentinelesen ist vermutlich das einzige steinzeitliche Volk, das bis heute ohne Kontakt zur Außenwelt lebt. Ihre Insel verlassen die rund 250 Stammesangehörigen nie. Sie gelten als feindlich, Eindringlinge werden mit Pfeilen beschossen.

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 Etliche Forscher und Wissenschaftler haben die Stämme vor Rätsel gestellt - die nun vielleicht nie geklärt werden können. "Dass wir keine Informationen über diese äußerst gefährdeten Stämme bekommen haben, die als fehlendes Verbindungsstück zur frühen Zivilisation gelten, ist Anlass zu ernster Sorge", sagte ein Sprecher der staatlichen Anthropologischen Abteilung der "Economic Times".
 
Jahrhunderte lang bekämpften die Eingeborenen jeden, der auf ihre Inseln wollte. Im 19. Jahrhundert traten sie mit Pfeil und Bogen gegen britische Kanonen und Geschütze an - erfolglos. Schon unter den Briten nahm ihre Zahl drastisch ab. Der Stamm der Großen Andamanesen etwa zählte vor Ankunft der Kolonialherren schätzungsweise 3.000 Angehörige, Anfang des 20. Jahrhunderts waren noch 625 übrig.
 
1947 zogen die Briten ab, die Inder übernahmen. "Zurückblickend machte der Wachwechsel wenig Unterschied", meint der indische Journalist Shailesh Shekhar, der sich mit den Stämmen befasst hat und von einem "Massaker an Unschuldigen" spricht. Die Großen Andamanesen schrumpften zeitweise auf 14 Männer und 9 Frauen zusammen, vor der Flutwelle sollen es rund 45 Stammesangehörige gewesen sein.
 
Noch in den 70er Jahren gab die indische Regierung die Order aus, die Eingeborenen "zu kontrollieren und zu zähmen". Das einzige Ergebnis, so meinen Hilfsorganisationen, sei gewesen, den Stämmen zu schaden. Immer mehr indische Siedler kamen auf die Inseln. Waren es einst nur einige hundert, so sind es inzwischen rund 400.000, die in den Lebensraum der Stämme eingedrungen sind. "Eingeborene sind eine fügsame Gruppe", meinte ausgerechnet der bis dieses Jahr amtierende indische Minister für Stammesangelegenheiten, Jual Oram.
 
Die Eingeborenen kamen in Kontakt mit der Zivilisation - und mit den damit einhergehenden Krankheiten, auf die ihr Immunsystem nicht eingerichtet war. Von mindestens vier Epidemien wurde allein der Stamm der Jarawas seit 1999 befallen. Neben den Krankheiten, so meinen Experten, haben von außen importierte kulturelle und soziale Veränderungen die Eingeborenen dahingerafft.
 
"Sie haben ihren Marsch auf dem Weg zum Aussterben begonnen", warnten Hilfsorganisationen und Anthropologen mit Blick auf die Versuche, die Eingeborenen anzupassen. Möglicherweise ist dieser Marsch nun für manchen Stamm zu Ende. Den derzeitigen Minister für Stammesangelegenheiten, P. R. Kyndhia, scheint das nicht aus der Ruhe zu bringen. Er hält sich nach Angaben der "Economic Times" vom Mittwoch bis nach Neujahr in seiner Heimat in Nordost-Indien auf.

Die vom Aussterben bedrohten Ureinwohner der zu Indien gehörenden Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren haben die Flutwelle im Indischen Ozean nach offiziellen Angaben weitgehend unbeschadet überstanden.

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