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Hundert Jahre Erwärmung
Der nächste Weltklimabericht erscheint im Jahr 2007. Schon jetzt gibt es erste Zahlen von Forschern aus Hamburg

18.03.2005. Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes traten vor einigen Tagen mit einer verblüffenden Nachricht an die Öffentlichkeit: Der Winter sei in diesem Jahr nicht etwa besonders kalt gewesen; bundesweit hätten die Temperaturen sogar ein halbes Grad Celsius über dem Durchschnitt gelegen.

Falsch gemessen haben die Offenbacher Wetterfrösche nicht. Sie rechnen nur anders als Astronomen, die festgelegt haben, dass der kalendarische Winter 2004/2005 vom 21. Dezember bis zum 19. März geht. Der meteorologische Winter hingegen beginnt stets am 1. Dezember und endet am 28. Februar. Den viel zu milden Januar konnten die frostreichen Tage im März deshalb nicht ausgleichen.

Ob der milde Winter ein Indiz für den beginnenden weltweiten Klimawandel ist, wie manche behaupten, ist nicht gewiss. Ein solcher Zusammenhang würde jedoch in das Bild passen, das Klimaforscher seit vielen Jahren zeichnen - unter anderem im so genannten IPCC-Report (Intergovernmental Panel on Climate Change, siehe Kasten).

Die nächste Ausgabe soll zwar erst in zwei Jahren erscheinen, gearbeitet wird an ihr aber schon jetzt. Hamburger Klimaforscher vom Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) und vom Deutschen Klimarechenzentrum (DKRZ) haben kürzlich erste Ergebnisse des IPCC-Reports 2007 präsentiert. Bis zum Jahr 2100 könnte es zwischen 2,5 und 4,1 Grad Celsius wärmer werden, berichteten die Wissenschaftler - eine Prognose, die zwar nicht grundlegend neu ist, die aber frühere Vorhersagen deutlich an Genauigkeit übertrifft.

Für die neuen Berechnungen haben die Klimaforscher vor allem ihr bestehendes Computermodell verfeinert. "Jetzt können wir viele Vorgänge in der Atmosphäre besser simulieren", sagt Erich Roeckner vom MPI-M. Außerdem habe man das Modell für den Bereich des Nordatlantiks präziser gemacht. Der Atlantik spielt eine entscheidende Rolle, denn dort sinkt eine großräumige Ozeanströmung ab, die sich thermohaline Zirkulation nennt. Auch der Golfstrom ist ein Teil dieser Strömung, die mit ihren warmen Wassermassen Europa und vor allem den britischen Inseln ein mildes Klima garantiert.

Nur wenn der Computer realistisch simuliert, wie die Wassermassen in die Tiefe fließen, gibt es korrekte Ergebnisse. "Jetzt zeigt auch unser Modell für die Zukunft eine Abschwächung der thermohalinen Zirkulation. Damit schließen wir uns der Mehrheit der weltweiten Klimazentren an", sagt Roeckner.

Entgegen der landläufigen Meinung wird es in Europa aber nicht kälter werden, wenn die ozeanische Zentralheizung im Laufe des 21. Jahrhunderts heruntergedreht wird. Denn die globale Erwärmung macht die ozeanische Abkühlung mehr als wett, haben die Meteorologen errechnet. Nur im Nordwesten Europas werden die Temperaturen womöglich nicht ganz so stark steigen wie in anderen Regionen.

Um wie viele Grad sich die Erdatmosphäre genau erwärmen wird, wissen die Klimaforscher noch nicht. Denn die weitere Entwicklung hängt von der Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Luft ab. Um mit dieser Unsicherheit umgehen zu können, legten die Klimaforscher ihrem IPCC-Beitrag drei Szenarien zugrunde. Das erste Szenario ist optimistisch: Bei ihm nimmt die Kohlendioxidkonzentration in der Luft gegenüber heute noch einmal um die Hälfte zu. Das zweite Szenario ist realistisch und geht davon aus, dass sich der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre in den kommenden hundert Jahren in etwa verdoppelt - auch das würde bedeuten, dass weniger Kohlendioxid in die Luft geleitet wird als heute. Das dritte Szenario schließlich ist pessimistisch; bei ihm gingen die Forscher davon aus, dass der Ausstoß von Treibhausgasen so stark wächst wie bisher und dass sich die Kohlendioxidkonzentration in der Luft im Vergleich zu heute verdreifacht.

Im besten Fall wird die Menschheit wohl mit einem blauen Auge davonkommen. Dann würde es nur um 2,5 Grad Celsius wärmer als heute werden, wie die neuen Modellrechnungen zeigen. Beim realistischen und beim pessimistischen Szenario steigen die Temperaturen bis 2100 hingegen auf einen Wert, der nach Ansicht vieler Experten große soziale und wirtschaftliche Probleme verursachen wird.

Zu ähnlichen Ergebnissen werden vermutlich zwanzig weitere Forschungszentren auf der Welt kommen, die ebenfalls an Simulationen für den IPCC-Bericht arbeiten. Dass sich so viele, voneinander unabhängige Institute beteiligen, soll garantieren, dass die Ergebnisse des Berichts möglichst objektiv sind. Voraussichtlich im Laufe des Jahres werden die Institute ihre Rechenergebnisse an das National Center of Atmospheric Research (NCAR) in Boulder, Colorado, schicken. Dort werden die Resultate von Experten beurteilt. Deren Bewertungen wiederum nehmen weitere Fachleute unter die Lupe. In der darauf folgenden Runde haben zudem viele Regierungen ein Wörtchen dabei mitzureden, wie der IPCC-Bericht zusammengefasst wird. Denn von der Zusammenfassung werden in Zukunft viele Entscheidungen und Gesetze abhängen - so geht etwas das Kyoto-Protokoll auf den IPCC-Bericht von 1996 zurück.

In Honolulu auf Hawaii traf sich kürzlich ein Zirkel hochkarätiger Klimaexperten, um über die bisherigen Resultate zu beraten. "Es ist noch zu früh, Schlüsse zu ziehen. Aber auf jeden Fall wollen wir die Ergebnisse 2007 in einer Form präsentieren, die auch Ungenauigkeiten deutlich macht", sagt der Klimaforscher Gerald Meehl vom NCAR in Boulder. Sollte es demnächst im IPCC-Bericht heißen, dass "die Temperatur mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent um 2 bis 4 Grad Celsius steigt", dann bedeutet das: Mehrere Entwicklungen des Klimas sind denkbar und in drei von vier Szenarien träte die vorhergesagte Erwärmung ein.

Um derartige Vorhersagen zu ermöglichen, wiederholen die Klimaforscher einzelne Arbeitsschritte mehrfach. Jedes Forschungszentrum berechnet etwa dreimal die Klimaentwicklung bei identischem Kohlendioxidanstieg. "Nur das Wetter am Anfang der Simulation unterscheidet sich ein bisschen", sagt Michael Lautenschlager vom DKRZ. Diese Prozedur ist so aufwändig, dass der DKRZ-Hochleistungsrechner mit ihr ein halbes Jahr lang beschäftigt war.

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