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Der Berg quietscht und wimmert
Singender Eisriese in der Antarktis entdeckt

29.11.2005. Eisberge können singen, und zwar ausdauernd und ziemlich laut. Das vermelden Geophysiker aus Bremerhaven im Fachmagazin Science. Die Experten des Alfred-Wegener-Instituts für Polarforschung (AWI) machten ihre Entdeckung an der Neumayer-Station in der Antarktis. Die Forschungsstation ist mit Seismometern ausgestatten - Sensoren zur Erfassung von Erdbeben. Als die Forscher deren Signale auswerteten, fiel ihnen ein markantes Muster ins Auge: ein Kamm mit 30 Zinken.

Zunächst vermuteten die Wissenschaftler, einer der Erdbebensensoren sei defekt gewesen und hätte ihnen ein falsches Signal vorgegaukelt. "Dann fiel uns jedoch auf, dass alle Seismometer das Signal registriert hatten", sagt AWI-Geophysikerin Vera Schlindwein. "Es konnte also nicht an den Seismometern liegen." Als Nächstes dachten die Forscher an einen Vulkan, denn schließlich gibt es auch bei Vulkanen ähnliche kammartige Muster. Sie schauten in den Datenbanken nach, ob sich in der Region ein Kandidat findet. "Dort liegt aber weit und breit kein Vulkan", sagt Schlindwein.

Als die Experten die ominösen Signale noch einmal genau untersuchten, bemerkten sie, dass diese wandern. "Wir vermuteten daher eine mobile Quelle", berichtet Schlindwein. "Zu dieser Vermutung passte auch, dass die Signale immer dort auftraten, wo sich ein großer, wandernder Eisberg befand."

Bereits 1987 war dieser Riesen-Eisberg abgebrochen. Er war mit 30 mal 50 Kilometern halb so groß wie das Saarland. Seitdem treibt er mit der Meeresströmung um die Antarktis und bleibt gelegentlich am Meeresgrund hängen. Bei eben diesem Festhaken fängt der Eisberg an zu singen. Die vermutete Erklärung: Ein Eisberg ist kein monolithischer Block, sondern von Furchen, Kanälen und Rissen durchzogen. Sobald der Riese festhängt, presst die Meeresströmung Wasser durch die Kanäle. Und das erzeugt Klänge - ähnlich wie bei einer Orgelpfeife, durch die man Luft presst.

An sich ist der Eisberg-Gesang mit seinen Frequenzen von einigen Hertz viel zu tief für das menschliche Ohr. Um ihn hörbar zu machen, müssen ihn die Forscher deutlich schneller abspielen. Die Klänge - es handelt sich eher um ein Quietschen, Jaulen und Wimmern denn um harmonischen Gesang - dauern bis zu 16 Stunden und werden noch in 800 Kilometern Entfernung von den Seismometern zu registriert.

Die Geophysiker hoffen nun, dass ihre Entdeckung die Voraussagen von Vulkanausbrüchen verbessern kann. Denn auch Vulkane singen, vor allem vor einem Ausbruch.

Science, Bd. 310, S.1299

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