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Welle des Nationalismus erfasst die Türkei
Die PKK provoziert mit ihren Angriffen gezielt einen Einmarsch in den Nordirak

Günter Seufert

22.10.2007. Nach den schweren Gefechten mit kurdischen Rebellen im irakischen Grenzgebiet verstärkt die Türkei ihre Truppen in der Region. Die jüngsten Kämpfe haben zahlreichen Menschen das Leben gekostet: 34 Kämpfer der kurdischen PKK starben am Sonntag und Montag beim Angriff auf eine türkische Einheit, und auf türkischer Seite sind 16 junge Soldaten zu beklagen, acht weitere sind vermisst. Türkische Truppen verfolgten die etwa kurdischen 200 Angreifer in den Nordirak, die türkische Presse jubelt, dass die ganze Truppe bald aufgerieben sei.

Auf Drängen der USA erklärte die türkische Regierung zwar vorerst ihren Verzicht auf einen Einmarsch im Nordirak. Doch je länger die Krise andauert, desto mehr werden die Kurden in den Augen der Türken von Mitbürgern zu Feinden. Das ist der größte Erfolg für die PKK. Ihr geht es schon längst nicht mehr um militärische Vorteile, sondern offenbar darum, den Graben zwischen den beiden Völkern zu vertiefen. Dabei hatte die Wahlschlappe der prokurdischen Demokratischen Gesellschaftspartei (DTP) im Juli dieses Jahres gezeigt, dass sich die türkischen Kurden zunehmend auf eine Zukunft in der Türkei einrichten. Die DTP verlor kräftig an die konservativ-islamische Regierungspartei AKP und wurde selbst in der türkischen Kurdenregion nur zweite Kraft.

Die Anschläge der PKK sollen die kurdischen Reihen jetzt wieder schließen. Sie provozieren die Ausweitung des Krieges in den Nordirak und eine verstärkte Unterdrückung in der türkischen Kurdenregion. Schon fordert die nationalistische Opposition, dass der Ausnahmezustand wieder eingeführt wird.

Freilich trägt auch der türkische Nationalismus nach Kräften dazu bei, dass der Hass zwischen Türken und Kurden wieder wächst. "Wir stürmen das Parlament und hängen 20 Leute auf", skandierten nach den Anschlägen Demonstranten vor dem Siegesdenkmal in Ankara. Objekt ihres Zorns waren die 20 Parlamentarier der pro-kurdischen DTP. Wut auf diese Abgeordneten entlud sich auch in Istanbul, wo 3 000 Leute auf die Straße gingen. Im westanatolischen Bursa, sowie in den ostanatolischen Städten Erzurum und Elazig, marschierten jeweils Tausende gegen die Niederlassungen der DTP. In Elazig setzte die Polizei zum Schutz der Büros Tränengas ein. Von Mersin am Mittelmeer bis nach Karabük und Zonguldak am Schwarzen Meer strömten in vielen Städten junge Männer zu den Kasernen, forderten Waffen und wollten sich freiwillig melden. Die Wut der Masse beschränkt sich nicht auf die Kurden, sie richtete sich auch gegen die Armenier. "Armenier kommt aus Euren Löchern!" schrien Nationalisten in Istanbul.

Die kurdische Führung im Nordirak, in dessen Bergen die PKK ihre Verstecke hat, tut bisher nichts dafür, dass sich am kurdischen Feindbild der Türken etwas ändert. Der arabische Premier des Irak, Nur al-Maliki, hat die PKK aufgefordert, den Irak zu verlassen. Anders Dschalal Talabani, Iraks kurdischer Staatspräsident. Er traf sich im Nordirak mit Masud Barsani, dem Chef des föderalen irakischen Kurdenstaats. Beide wiesen die Forderung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan nach Auslieferung der PKK-Führung an die Türkei zurück: "Wir liefern keinen Kurden aus, nicht einmal eine Katze!" Und sie drohten mit dem Einsatz ihrer Kämpfer (Peschmerga), falls türkische Truppen sich ihren Städten nähern.

Im Grunde müsste den Kurden des Irak, die im Falle der immer wahrscheinlicher werdenden Dreiteilung des Landes erstmals eineigener Staat in Aussicht steht, an Frieden mit der Türkei gelegen sein. Der Ton von Barsani und Talabani lässt jedoch darauf schließen, dass auch sie von pankurdischer Begeisterung erfasst wurden. Immerhin erklärte Talabani am Abend, die PKK-Rebellen würden die Angriffe vorerst einstellen.

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