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Ankara verschärft seine Kriegsrhetorik 
Türkisches Militär beschießt Dorf im Nordirak / USA schicken Sondergesandte nach Istanbul

Günter Seufert

14.10.2007. Hoffentlich ist die Ähnlichkeit mit Hitlers Wortwahl nach dem Überfall auf Polen nur Zufall. Der Generalstab der türkischen Armee, der die Regierung seit sechs Monaten drängt, Soldaten in den Nordirak zu schicken, erklärte am Samstag, die Türkei sei vom Nordirak aus beschossen worden. Jetzt werde "zurückgeschossen". Tatsächlich beschoss in der Nacht zum Sonntag türkische Artillerie irakischen Augenzeugen zufolge Grenzdörfer im nordirakischen Kurdengebiet.

Regierungschef Recep Tayyip Erdogan läuft unterdessen zur rhetorischen Höchstform auf, gerade so, als wolle er die Militärs in Sachen Kriegsentschlossenheit noch übertreffen. "Dreißig Gefallene haben wir in den letzten zwei Wochen zu beklagen", sagte er, "das können wir nicht hinnehmen". Warnungen der USA und der EU vor den politischen Kosten eines solchen Einsatzes wies Erdogan zurück: "Wir haben unsere Rechnungen gemacht und sind bereit, den Preis zu zahlen", so der Regierungschef.

Am Recht der Türkei, den Krieg gegen die PKK im Nordirak weiterzuführen, gibt es für Erdogan nicht den geringsten Zweifel. Auf Fragen, die in diese Richtung zielen, reagiert er mit Verweisen auf die USA: "Keiner hat irgendwen gefragt, als man von weit herkam, um den Irak mit Krieg zu überziehen".

Seit Mitte vergangener Woche in Washington der außenpolitische Ausschuss dem Repräsentantenhaus empfahl, die Massaker an den Armeniern der Türkei während des Ersten Weltkriegs als "Völkermord" anzuerkennen, wollen in Ankara weder Politiker noch Generäle auf Warnungen Amerikas viel Rücksicht nehmen. "Wenn das Verhältnis platzt, dann platzt es eben", sagte Erdogan, und Generalstabschef Yasar Büyükanit erklärte am Sonntag in Richtung Amerika: "Da habt ihr euch selber ins Bein geschossen."

Dass die Regierung von Präsident Bush und das Pentagon versuchten, die Abstimmung im Kongressausschuss zu verhindern, das interessiert in Ankara nicht mehr. Im Gegenteil, statt auf Interessen der USA Rücksicht zu nehmen, die fürchten, dass ein türkischer Einmarsch im Nordirak die letzte stabile Region im ganzen Irak erschüttert, drohen die Türken als Vergeltung für den Beschluss des Auswärtigen Ausschusses mit der Sperrung des Militärstützpunktes von Incirlik. Über diesen Flughafen gehen 70 Prozent der US-Luftfracht und fast alle gepanzerten Fahrzeuge für den Irak. Für den Abzug von US-Truppen ist er unersetzlich.

"Wir hoffen, dass es uns gelingt, die türkische Regierung davon abzuhalten, den Aktionsspielraum unserer Einheiten all zu sehr einzuschränken", sorgte sich US-Außenministerin Condoleezza Rice und schickte am Samstag zwei diplomatische Bittsteller in die türkische Hauptstadt. Der stellvertretende Verteidigungsminister Eric Edelman und sein Kollege Dan Fried vom Außenministerium wollen alles tun, um zu verhindern, dass die Türkei im Nordirak tatsächlich losschlägt und einen 30 Kilometer breiten Todesstreifen auf irakischem Boden anlegt.

Massud Barzani, der Präsident des kurdischen Teilstaats im Nordirak, will keinen türkischen Einmarsch dulden. Und Tshabar Yawar, der Sprecher der "Kurdischen Streitkräfte", warnte am Samstag, dass ein türkischer Angriff nicht nur die Kurden beträfe. Vielmehr habe die internationale Besatzungstruppe unter Führung der USA für die Grenzsicherheit Sorge zu tragen.

Die Meinung der Kurden, ob sie nun im Irak oder in der Türkei leben, interessiert jedoch weder Generalstab noch Regierung. Am Samstag in Diyarbakir, im kurdischen Teil der Türkei, gaben indessen 20 000 Menschen ihrer Hoffnung auf Frieden Ausdruck. Sie erwiesen Mehmet Uzun die letzte Ehre, dem ersten Schriftsteller, der seine Romane ausschließlich in kurdischer Sprache schrieb.

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