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Die Rache der Verwandten 
Im Südosten der Türkei endet ein Familienzwist in einem Massaker, bei dem 44 Menschen ihr Leben verlieren. Ministerpräsident Erdogan verurteilt die Tradition der Blutrache

Günter Seufert

06.05.2009. Die Mörder kamen während des Gebets. Es hat die vier oder fünf Täter nicht gestört, dass im Islam der Ort des Gebets heilig ist. Mit Maschinenpistolen töteten sie erst die Männer, die sich in einem Zimmer im Haus des alten Bürgermeisters in Reih und Glied formiert und niedergekniet hatten. Anschließend drangen die schwarz maskierten Täter in das Zimmer vor, in dem sich die Frauen und Kinder ebenfalls zum Gebet versammelt hatten, und feuerten weitere Salven ab. Binnen weniger Minuten töteten sie sechs Kinder, siebzehn Frauen und einundzwanzig Männer. Dann zerschossen sie die Reifen aller im Ort parkenden Autos und flohen in die Dunkelheit.

Am Montag, gegen neun Uhr am Abend, hatte Cemil Çelebi, der frühere Bürgermeister des Dorfes Bilgeköy, seine Tochter Sevgi mit Bräutigam Habip Ari verlobt. Der Dorf-Imam Kazim Ozan hatte, wie das im Osten der Türkei weit verbreitet ist, das Paar religiös getraut. Die amtliche Hochzeit sollte später gefeiert werden. Es war gegessen und getrunken worden, da rief der Muezzin. Mit ihm kamen die Mörder.

Nur hundert Meter vor dem Dorf stehen zerstreut die Grabsteine des Friedhofs, der ohne Begrenzung mitten in einer Wiese liegt. Zwei nagelneue Schaufelbagger heben dort am Dienstag Gräber aus. Der Staat ist kurz nach der Tat mit Gendarmen und Militär vertreten. Aus Ankara kommen die Abgeordneten der Region, Parteien schicken Kommissionen in das im Südosten der Türkei gelegene Dorf. Innenminister Besir Atalay drückt den Überlebenden sein Beileid aus. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fordert öffentlich eine Änderung der Mentalität. "Keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein", sagt er.

Hinter der Überlebenden liegt da eine Nacht der Verzweiflung, mit Totenstille, schrillen Trauerklagen, Sirenen, mit Blitzlichtern der Pressefotografen und bangem Warten vor der Tür des Staatskrankenhauses Mardin. Unter den Toten sind der alte Bürgermeister, das Brautpaar und seine Verwandten. Auch den Dorf-Imam haben die Mörder nicht verschont.

"Das ist kein Terrorakt", sagt Innenminister Atalay und meint damit, dass es dieses Mal nicht die PKK gewesen sei. Es waren nicht die kurdischen Rebellen, die jetzt schon 26 Jahre lang mit Terroranschlägen für kurdisch-nationale Ziele kämpfen. Die Mörder gehörten zur Familie. Sie kamen wohl aus dem Dorf, das mit dem Massaker ein Viertel seiner Einwohner verloren hat. Acht Männer werden am Dienstag festgenommen. Sie hätten die Waffen bei sich gehabt, heißt es. "Die mutmaßlichen Täter tragen die gleichen Nachnamen wie die Opfer", sagt auch Premier Erdogan. Celebi heißen Mörder wie Opfer. Die junge Braut sei gegen ihren Willen in die Ehe getrieben worden, sagt man im Dorf. Ein junger Mann aus der Verwandtschaft hätte ein größeres Recht auf sie gehabt. Es war ein Familienzwist, der in einem blutigen Massaker endete.

In der Türkei streiten noch häufig Männer um die Braut, zumal die Ehe nicht immer ein Bund der Liebe ist. Man kann davon ausgehen, dass im ganzen Land mehr als ein Drittel aller Ehen durch Vermittlung zustande kommen. Im manchen Dörfern des kurdisch besiedelten Südostens wurde noch Ende der Neunzigerjahre nur etwa jede zehnte Ehe ohne Vermittlung geschlossen.

So wie bei der Feier im Dorf Bilgeköy nehmen oft die Dorf-Imame die religiöse Eheschließung vor, manchmal viele Jahre, bevor das Paar offiziell getraut wird. Das ist verboten, doch so können Eltern das Schicksal ihrer Kinder früh bestimmen - bisweilen noch vor dem offiziellen Heiratsalter. Auch dass Familienstreitigkeiten blutig ausgetragen werden, ist den Menschen in der Türkei nichts Neues. Berühmt geworden ist das Dorf Mesebaglari in der Provinz Hazro, dort hat die Blutrache in siebzig Jahren mehr als einhundert Männern den Tod gebracht. Doch ähnliche Vorfälle gibt es in der Türkei immer wieder.

Niemals zuvor aber starben auf einen Schlag so viele Menschen wie jetzt in Bilgeköy. Und nirgendwo gingen die Täter so gnadenlos auch gegen Kinder und Frauen vor. Nirgends trugen die Täter schwarze Masken und töteten eiskalt.

Soziologen warnen inzwischen vor den sogenannten Dorfschützern, in Bilgeköy etwa tragen alle Männer Waffen. Der Staat hat sie ihnen gegeben, wie 72 000 andere Türken auch. In jeder dritten der über achtzig Provinzen der Türkei helfen diese Dorfschützer der Armee beim Kampf gegen die PKK. Seit 23 Jahren gibt es diese Milizen, und fast genauso alt sind die Beschwerden, diese meist kurdische Miliz laufe dem Staat gewaltig aus dem Ruder. Für viele dieser Männer hat der Tod nach gut 26 Jahren Krieg viel von seinem Grauen verloren. Und nicht selten setzen sie ihre Waffen auch für eigene Interessen ein - oder die ihrer Familien.

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