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Auslese am Bosporus 
In der Türkei wurde ein Wissenschaftsmagazin gestoppt, das dem Darwin-Geburtstag gewidmet war

Günter Seufert

14.03.2009. Am Ende haben die Wissenschaft und die Aufklärung in der Türkei über den religiösen Fanatismus triumphiert. Das Amt für Wissenschaft und Forschung (Tübitak) gab am Freitag bekannt, seine populärwissenschaftliche Zeitschrift werde noch in diesem Jahr ausführlich über Charles Darwin und seine Evolutionstheorie informieren. Am Dienstag war bekannt geworden, dass die März-Ausgabe dieser Zeitschrift mit einem Titel zu Darwin geplant und auch bereits gedruckt war, doch die Auslieferung verhindert worden ist. Statt der Geschichte über Darwin hatte das Heft dann eine Woche nach dem ursprünglich geplanten Erscheinungstermin mit einem Titel über den Klimawandel aufgemacht. Sofort war von Zensur die Rede, denn die alleinregierende Partei von Premier Recep Tayyip Erdogan hat islamische Wurzeln, und ein großer Teil ihrer Anhänger will von Charles Darwin wenig wissen.

"Ich habe gleich davor gewarnt, dass diese Leute die Wissenschaft politisieren", sagte Professor Namik Kemal Pak, dem Erdogan 2003 die Wiederwahl zum Vorsitzenden des Wissenschaftsamts verbaut hatte. Und für Professor Tahsin Yesildere, der dem Verein der Universitätslehrer vorsteht, war der Vorfall Beweis dafür, dass "die in Dunkelheit befangenen Gehirne dieser Leute die Wissenschaft nicht achten." Die Aufregung schwappte bis nach Europa. Marco Capato, italienischer Abgeordneter im Europaparlament, rief aufgeregt den Botschafter Italiens in Ankara an, der auch nur sagen konnte: "Mir fehlen alle Worte!"

Wahrscheinlich jedoch stand auch dieses Mal die Republik Türkei nicht vor dem Abgrund zu einem fanatischen Religionsstaat. "Kann es denn sein, dass ein Thema, das jeder kennt, das in den Schulen unterrichtet und in den Lehrbüchern behandelt wird, geheim gehalten werden soll?", fragte am Freitag Professor Mehmet Aydin, der als Staatsminister für das Wissenschaftsamt zuständig ist. Hinter dem Vorfall stecke keine Zensur, sondern Missmanagement, sagte Aydin. Bei der Auswahl der Themen sei das Herausgebergremium der Zeitschrift schlicht übergangen worden, allein deshalb sei das Malheur passiert. Freilich ist die Partei nicht unschuldig daran, dass ihr von so vielen Seiten Einmischung in die Wissenschaften unterstellt wird. Ähnlich wie eine Universität hat sich das Amt für Wissenschaft und Forschung stets seinen Präsidenten selbst gewählt, nur Premier Erdogan hat von Beginn darauf beharrt, dass er den Wissenschaftschef selbst ernennen darf.

Hintergrund dieses Streits ist, dass die professorale Elite der Türkei, die sich bei Tübitak die Tür stets in die Hand gegeben hat, die AKP in Sachen Kopftuch an der Universität erbittert bekämpft hat und immer noch bekämpft. Doch weil die Partei weiß, dass sie beim Thema Religion stets unter Generalverdacht steht, kann sie kein Interesse daran haben, sich beim Thema Freiheit der Wissenschaft eine solche Blöße zu geben. Das gilt jedoch nur für die Führung. In Rasthäusern und auf dem flachen Land schrecken die niederen Chargen der Partei nicht davor zurück, als Bürgermeister, Schuldirektor oder Lehrer Bücher und andere Schriften zu verbreiten, die Charles Darwin nicht nur als widerlegt, sondern als Gotteslästerer zeichnen. So richtig wundern kann man sich darüber freilich nicht. Auch in den USA nehmen über 60 Prozent die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich. In Deutschland tut das immerhin ein Drittel der Einwohner.

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