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Besuch in der traurigen Villa von Titos Witwe 
Serbien befreit Jovanka Broz aus der Isolation

Norbert Mappes-Niediek

12.06.2009. Dass sie selbst kocht, spült und putzt, wurde überall im früheren Jugoslawien noch mit Schadenfreude aufgenommen. Inzwischen macht sich aber wenigstens in Serbien auch Beschämung breit über den Umgang, den das Land mit seiner einst berühmtesten Frau pflegt. Jovanka Broz, die heute 84-jährige Witwe des Staats- und Parteichefs Tito, lebt in bitterer Armut in einer verfallenen Wohnung im Belgrader Prominentenviertel Dedinje - seit mehr als 30 Jahren isoliert und verfemt und seit fast einem Vierteljahrhundert sogar ohne Papiere.

Zwei Politiker haben sich endlich getraut, den unwürdigen Bann zu durchbrechen. Der mutige Minderheiten-Minister Rasim Ljajic war der erste, der den Weg in die traurige Villa fand. Ihm folgte Innenminister Ivica Dacic. Heute nun soll die alte Dame endlich einen Personalausweis bekommen. Ob der Staat ihr, wie versprochen, auch die Wohnung renoviert und ein Auto mit Fahrer stellt, muss sich erst erweisen.

Leicht und glücklich war das Leben als Diktatorengattin ohnehin nie gewesen. Gleich nach dem Krieg wurde die junge Partisanin ins Büro des 32 Jahre älteren Tito versetzt und diente dem selbstverliebten Patriarchen dort als eine Mischung aus Sekretärin und Kammerzofe. Dass das Auge des Chefs auf sie fiel, wurde ihr zum Fluch: Misstrauisch beäugt von den Kollegen, musste sie sich als Geliebte verstecken. Auch nach der - zunächst verheimlichten - Hochzeit 1951 pflegte Tito seinen Ruf als Frauenheld.

Obwohl die First Lady sich zu politischen Fragen nie öffentlich äußerte, entzündeten sich an ihr immer wieder politische Fantasien. Wegen ihrer serbischen Abstammung galt sie bei den Kroaten als "serbische Eminenz" hinter Tito, dem Sohn eines Kroaten und einer Slowenin. 1977 schließlich verschwand sie ganz aus der Öffentlichkeit und wurde sogar für kurze Zeit verhaftet, ohne dass es dafür eine Erklärung gegeben hätte. Der Dissident Milovan Djilas, der zum engsten Kreis gehörte, hat später mehrfach versichert, dass Jovanka nie Einfluss auf die Entscheidungen ihres Mannes genommen habe.

Nach Titos Tod 1980 war die Witwe für dessen Nachfolger eine akute Bedrohung: Jedes Wort von ihr wäre als Vermächtnis des verstorbenen Staatsgründers aufgefasst worden. Die KP-Größen warfen sie sofort aus der Tito-Villa und brachten sie in der Wohnung unter, wo sie noch heute lebt. Fünf Jahre später berichtete Jovanka den Abgeordneten des Parlaments in einem offenen Brief, wie Geheimdienstleute in ihre Wohnung eingedrungen waren, alles durchwühlten, vieles mitnahmen, auch Pass und Personalausweis, und ihr unter Drohungen ewiges Schweigen abverlangten. Der Brief verfehlte seine Wirkung. In der Ära Milosevic, die danach begann, war Tito verfemt - ein Grund mehr, die Witwe zu vergessen. Nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens traute Jovanka Broz sich nicht einmal, die serbische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Unbekannt war ihr Schicksal nicht: Nach einer aufsehenerregenden Reportage der Zeitung Politika von 2005 setzte die Regierung eine Kommission ein, die Jovankas Angaben bestätigt fand. Aber damals noch war alles, was mit Tito zusammenhing, für die Politik tabu. Die menschlich überfällige Rehabilitierung der Witwe fällt nun in eine Zeit, da Tito wieder zum Thema wird. In Slowenien, aber auch in Kroatien mehren sich die Stimmen, die den Partisanenführer als Kriegsverbrecher und nicht als Sieger über die Nazis einordnen wollen. In Bosnien und Mazedonien dagegen wird sein Erbe noch immer hoch gehalten. In Serbien ist eine Neubewertung im Gange: Die Nationalisten, die ihn verachteten, verlieren an Boden. Eine Autobahn-Raststätte voller Tito-Devotionalien steht bei Gästen neuerdings hoch im Kurs.

Auch die beiden mutigen Minister, die jetzt die verdrängte Witwe besuchten, verdienen sich damit neben menschlichem Respekt auch politische Vorteile: Der eine, Ljajic, hält die Werte des multinationalen Zusammenlebens hoch, wie einst Tito es tat. Der andere, Dacic, sucht als reformfreudiger Sozialist dringend ein Idol, das er dem unseligen Milosevic entgegenstellen kann.

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