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Der scharfe Rechte mit dem grimmigen Blick 
Tomislav Nikolic greift in Serbien nach dem Präsidentenamt

Norbert Mappes-Niediek

21.01.2008. In Belgrad, wo bisher alle serbischen Wahlen entschieden wurden, gilt Tomislav Nikolic als eine Art Provinztrottel. Sein Leben lang war er immer die Nummer zwei. Zumindest Letzteres könnte sich nun ändern. Denn nach seinem Sieg in der ersten Runde der Präsidentenwahlen wird der Vizechef der Radikalen Partei (SRS) am 3. Februar in der Stichwahl gegen Amtsinhaber Boris Tadic antreten. Und sollte das liberale Lager, das den westorientierten Tadic unterstützt, dann nicht deutlich mehr Wähler an die Urnen bringen als am vergangenen Sonntag, dann stehen Nikolics Chancen sehr gut, dieses Mal die Nummer eins zu werden.

Der 55-Jährige mit dem gewöhnlich so grimmigen Blick verfügt über das seltene Talent, aus Handicaps Vorteile zu machen. Landesweit bekannt wurde der unauffällige Bautechniker als der Mann schräg hinter Vojislav Seselj, dem polternden und clownesken Extrem-Nationalisten aus der Ära des Slobodan Milosevic. Der um zwei Jahre jüngere Seselj sei „der größte Intellektuelle, der mir je begegnet ist“, pries Nikolic seinen Herrn. Und vom promovierten Politologen Seselj habe er auch „die Bücher bekommen, die man braucht, um Politiker zu werden“.

Das gebildete Belgrad musste kräftig lachen über den Studienabbrecher aus dem „Waldland“ im tiefen Inneren Serbiens. Als man herausfand, dass der düstere Nikolic in seiner Heimatstadt Kragujevac einmal als Friedhofsdirektor gearbeitete hatte, hieß er nur noch „der Totengräber“. Als der kapriziöse Seselj sich dann vor fünf Jahren dem UN-Kriegsverbrechertribunal stellte und vor dem Abflug nach Den Haag den schlichten Nikolic zu seinem Platzhalter bestellte, sah jedermann die Radikalen – zu Milosevics Zeiten eine Art Blockpartei – am Ende.

Aber das Gegenteil wurde wahr: Die Radikalen wurden stärkste Kraft im Lande, und der Mann, der dies zuwege brachte, war Nikolic. Er nutzte die Platzhalterrolle, um sich vor den Wählern als bescheiden und nur der Sache ergeben zu präsentieren. Er leistete sich keine Kapriolen wie der aufbrausende Seselj, und dem historisierenden Mummenschanz des „Tschetnik-Wojwoden“ hatte er ohnehin nie etwas abgewinnen können.

Stattdessen verfolgte er seine eigene Linie und bemühte sich um die Zukurzgekommenen. Vor allem unter Rentnern und Arbeitern, Dörflern und Kleinstädtern gilt als Nikolic als der gutmütige Hausvater, der notfalls auch sehr streng werden kann. Auf seinen Kundgebungen treten wieder Vertreter nationaler Minderheiten in Volkstracht auf – ganz wie in den goldenen 70er Jahren, an deren Tugenden Nikolic gern erinnert. Und seine Ehrlichkeit, die in der wehrlosen und schlecht ausgebildeten Provinzbevölkerung besonders geschätzt wird, ist nicht einmal gespielt.

Dabei ist „Toma“, wie seine Freunde ihn nennen, durchaus ein scharfer Rechter. Nach zwölf Dienstjahren bei den Stadtwerken hatte der bis dahin unpolitische Beamte 1990 eine eigene Partei gegründet. Ein Jahr darauf schloss er sich mit seinen Anhängern der aggressiv nationalistischen „Tschetnik-Bewegung“ Seseljs an. In der neuen Radikalen Partei Serbiens wurde er stellvertretender Vorsitzender.

Den Vorwurf, er sei 1991 als Freischärler in Kroatien am Mord an Zivilisten beteiligt gewesen, hat Tomislav Nikolic zwar stets bestritten, aber wirksam entkräftet hat er ihn auch nicht. Auch wenn er Gegner beschimpft, verrutscht die Maske des gütigen Patriachen immer wieder: Präsident Tadic nannte er schon einmal einen „Ustascha“-Faschisten, den einstigen Außenminister Vuk Draskovic „ein Stück Scheiße“, und einmal ging er soweit, den Mord an einem Journalisten ausdrücklich gutzuheißen.

In der Milosevic-Ära war Nikolic schon zweimal Vize-Regierungschef, musste aber einmal auch für ein paar Monate ins Gefängnis. Seit dem Umsturz von 2000 verpasste er die Rückkehr an die Macht mehrfach nur knapp: Bei der vorangegangenen Präsidentenwahl unterlag er in der Stichwahl gegen Tadic. Nach der jüngsten Parlamentswahl im Januar 2007, in der die SRS unter allen Parteien die meisten Stimmen erhielt, war eine Koalition mit dem nationalkonservativen Premier Vojislav Kostunica zum Greifen nahe, kam dann aber doch nicht zustande. Immerhin stieg Nikolic damals für ein paar Tage zum Parlamentspräsidenten auf, ehe ihn die anderen Parteien von diesem Posten verdrängten. Nun greift er nach noch höheren Würden.

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