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Schwere Waffen, milde Töne 09.05.2008. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion sind am Freitag wieder Interkontinentalraketen über den Roten Platz gerollt. Russlands neuer Präsident Dmitri Medwedew nahm als Oberkommandierender die Militärparade zum Tag des Sieges über Hitlerdeutschland ab. Eine ähnliche Waffenschau hatte man auf dem Roten Platz zuletzt am 7. November 1990 gesehen, als zum letzten Mal der Jahrestag der Oktoberrevolution begangen wurde. Seither hatten Siegesparaden nur ohne schweres Gerät stattgefunden. Ohnehin ist der Zugang zum Roten Platz mittlerweile sehr eng geworden: Mitte der 1990er wurde das Auferstehungstor rekonstruiert, das Stalin 1931 hatte abreißen lassen. Achttausend Soldaten, mehr als hundert Fahrzeuge und 30 Flugzeuge nahmen gestern an der Parade teil, die eine Stunde dauerte. Probeläufe hatten in den Tagen zuvor den Verkehr in der Innenstadt mehrfach lahmgelegt. Unterführungen mussten zusätzlich abgestützt werden. Spezialflugzeuge sorgten mit Chemikalien dafür, dass keine Wolken den Himmel trübten. Im Geschwindschritt marschierten zwanzig Einheiten von Militär, Innenministerium und Katastrophenschutz am Lenin-Mausoleum vorbei, das mit einer großen russischen Fahne verhüllt worden war. Sie trugen neue Uniformen, die der Stardesigner Walentin Judaschkin entworfen hat. Die gesamten Streitkräfte sollen nach seinen Entwürfen neu eingekleidet werden, was laut Medienberichten bequemere Stoffe, den Verzicht auf Fußlappen, niedrigere Schirmmützen und erhebliche Mehrausgaben bedeutet. Nicht so neu ist die Militärtechnik. Das Schaustück der Parade etwa - die Regie hatte es sich für den Schluss aufgehoben - waren Interkontinentalraketen des Typs "Topol", zu deutsch "Pappel". Die ersten von ihnen wurden von der Sowjetunion Mitte der 80er Jahre in Dienst genommen. Ihre Betriebsdauer musste vor kurzem auf 21 Jahre verlängert werden, weil die Ersetzung mit der neuen Version "Topol M" sich länger hinzieht. Über den Roten Platz rollten vier Abschussrampen der alten Version - von der neuen besitzt Russland nur sechs. Präsentiert wurden auch SS-26-Kurzstreckenraketen sowie strategische Bomber des Typs Tu-160 und Tu-95 MS. Diese Flugzeuge fliegen seit dem Spätsommer 2008 wieder wie im Kalten Krieg weit über russisches Territorium hinaus: Präsident Wladimir Putin hatte überraschend angekündigt, die Patrouillenflüge der Strategischen Luftflotte über Atlantik und Pazifik wieder aufzunehmen. Diese Machtdemonstration litt allerdings etwas darunter, dass die Bomber schon älterer Bauart sind. Überhaupt stand Putins oft aggressive Rhetorik in seltsamem Gegensatz zum schlechten Zustand der Armee, die im Vergleich zu den Geheimdiensten an Bedeutung verloren hat. Putins Nachfolger Medwedew schlug in seiner Rede keinen kämpferischen Ton an. Er warnte vor Rassen- und Religionshass, Terror und Extremismus, aber auch vor der Geringschätzung des Völkerrechts und vor Versuchen, sich in Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Der 9. Mai sei "der volkstümlichste und heiligste Feiertag" des Landes, sagte er. In der Tat wird der Sieg, der die Sowjetunion vermutlich mehr als 20 Millionen Menschenleben kostete, mit großer Anteilnahme gefeiert. Das lässt sich neuerdings auch an den schwarz- gelben "Georgsbändern" ablesen, die man sich an Autoantennen oder Revers heftet. Eine Umfrage des WZIOM-Instituts ergab, dass 70 Prozent der Russen es gutheißen, dass die Siegesparade nun mit schwerer Technik begangen wird. Kritiker befürchten jedoch Schäden an der historischen Bausubstanz. Russland muss bei seiner zum Tag des Sieges über Hitler-Deutschland geplanten größten Militärparade seit Sowjetzeiten mit Straßenschäden von mehr als 40 Millionen Euro rechnen. Wegen der Panzer und anderen schweren Kampftechnik müssten in Moskau nach dem 9. Mai rund 900 000 Quadratmeter Straßenbelag erneuert werden. Das meldete die staatliche Agentur RIA Nowosti am Dienstag unter Berufung auf die Stadtverwaltung. Allein die Reparaturen des Pflasters, der Bordsteine und Granitplatten am Roten Platz würden mit rund zwei Millionen Euro zu Buche schlagen. Auch große Teile des Kanalisationssystems müssten erneuert werden, hieß es. Eine Interkontinentalrakete Topol-M wiegt mit Begleitfahrzeug rund 90 Tonnen. Schäden für die weltberühmte Moskauer Metro seien hingegen nicht zu befürchten, hatten die Behörden mitgeteilt. Am Roten Platz wurden in der Metro eigens Stahlpfeiler zum Schutz eingezogen. |
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