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Berlusconis freizügige Wahl

Kordula Doerfler

06.06.2009. Es war nur eine Frage der Zeit. Früher oder später, das war absehbar, würden die Fotos auftauchen, deren Veröffentlichung Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gerichtlich untersagt hatte, zumindest im eigenen Land. Die spanische Tageszeitung El País war die erste in Europa, die fünf Bilder zunächst ins Netz stellen ließ und am Freitag dann auch druckte - einen Tag vor der Europawahl, die in Italien kein anderes Thema zum Inhalt hat als Berlusconis Privatleben. Weil die italienische Zeitung La Repubblica die Seiten der El País ebenfalls auf ihre Homepage stellte und nachdruckte, sind die Fotos nun doch auch in Italien zu sehen - ein schönes Beispiel dafür, wie kompliziert Fragen des Persönlichkeitsschutzes und des Urheberrechts im Zeitalter des Internets geworden sind.

Als Fotografen weist El País den sardischen Paparazzo Antonello Zappadu aus, der vor Berlusconis privater Residenz auf Sardinien Hunderte von Bildern geschossen hat. Wie die Zeitung an die Bilder gekommen ist, verriet sie allerdings nicht. Auf zwei der jetzt veröffentlichten Fotos ist Berlusconi selbst zu sehen, jeweils in Begleitung von vollständig bekleideten jungen Damen, deren Gesichter gepixelt wurden. Ein drittes, das bislang pikanteste, zeigt zwei barbusige junge Frauen, angetan nur mit einem winzigen String-Tanga. Die Fotos seien alle harmlos, kommentierte Berlusconi in einem Interview, die Umstände ihrer Entstehung und Veröffentlichung aber seien skandalös, denn er habe zur gleichen Zeit eine Delegation aus Tschechien zu Gast gehabt. "Die Fotos zeigen Personen, die in einem Whirlpool im Inneren eines Gästehauses baden." Tschechiens Ex-Ministerpräsident Mirek Topolanek räumte inzwischen ein, dass er auf einem Foto abgebildet ist, auf dem ein nackter Mann mit unkenntlich gemachtem Gesicht am Pool zu sehen ist. Das Foto sei aber verändert worden und nicht authentisch, eine "Fälschung".

Berlusconi kündigte gerichtliche Schritte gegen die Veröffentlichung an. Wenige Tage später vollzog er eine Kehrtwende: Er habe nun nichts gegen eine Veröffentlichung, da er die Bilder gesehen habe. Sein Privatleben - die Scheidung von Veronica Lario und das ungeklärte Verhältnis zur 18 Jahre alten Schülerin Noemi Letizia - beschäftigt Italien wie kein zweites Thema, und Berlusconi wird nervös. Denn er hat die Wahlen zum Europa-Parlament, die in Italien gleichzeitig mit Kommunalwahlen stattfinden, zur Abstimmung über seine Politik stilisiert. Zwar dürfen keine Umfragen mehr veröffentlicht werden, doch fürchtet er, erstmals an seiner in Europa unerreichten Popularität einzubüßen.

Das Medienecho reizt ihn zusehends, erst Recht, weil er sich in wenigen Wochen beim G8-Gipfel als einflussreicher Staatsmann präsentieren will. Kaum eine Zeitung in Europa, die nicht geharnischte Kommentare über einen in jedem anderen Land untragbaren Regierungschef gedruckt hat, auch wenn sich bisher nicht nachweisen ließ, dass Berlusconi tatsächlich eine Affäre mit Noemi Letizia hatte. Auf den Fotos ist sie nicht zu erkennen. Doch bewiesen die Bilder, dass "in der Villa unter starkem Sicherheitsschutz ein freizügiges Ambiente herrscht", kommentierte El País. Berlusconi versuche, den politischen Raum als Verlängerung seiner persönlichen Beziehungen zu sehen und gefährde den Rechtsstaat. Und sei deshalb eine Gefahr für alle Europäer.

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