Heinz Kahlau (geb. 1931)

Gedichte um Judith

I

Bevor wir uns Namen sagten,
hatten wir uns erkannt.
Was deine Augen fragten,
erfuhr deine Hand.

II

Oh, Judith.
In welchem Drahtzaun
hing deine Liebe?
Auf welchem Appellplatz
verreckte deine Sehnsucht?
Welcher Stiefel
zertrat deine Hoffnung?
Welche Kugel
zerfetzte dein Lächeln?
Mit welchem Leibgurt
henkten sie deine Zärtlichkeit?
Oh, Judith,
so in unsrer Mitte
immer noch lebend,
durch welchen Schornstein
ging damals
dein Herz?

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III

Wie weit kamst du gegangen,
als ich dich da umfangen
in all der Dunkelheit?
Was hab bei deinen Küssen
ich alles fürchten müssen?
Was trug dich fort - so weit?
Wohin bist du gefahren
im Rauch aus deinen Haaren?
Wofür warst du bereit?

IV

An deinem Arm
die blaue Nummer
hast du löschen lassen.
Was löschtest du aus?
Wodurch bist du gekommen,
wohin bist du gegangen -
kamst du nach Haus?
Du hast dein Leben
weitergetragen.
Wer trug die Schuld?
Wessen Vertrauen
konnte erfahren
von deiner warmen Geduld?
Wer kann es wagen,
wenn du es zuläßt,
dich anzufassen?
Auf deinem Arm freilich
die blaue Nummer
hast du löschen lassen.

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V

Ja!
Ich bin der Gezeichnete.
Wie soll ich dir
meine Hände zeigen?
Ja! sie sind sauber geblieben.
Aber auch ich
wusch mich
mit dieser Seife!

VI

Bei diesem Dorf
in diesem Wald
war das Lager.
Dieser Wald wächst noch,
diese Natur ist unschuldig,
diese Kinder
zogen nach Himbeeren aus.
Das Gras, Judith,
weiß nicht Bescheid.
Frag doch die Kinder!
Geh in ihr Haus.

VII

Welches Tier
läßt seinesgleichen
sterben mit Lust?
Welches Tier
ersinnt Tode?
Keiner hat alles gewußt.

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VIII

Mein Vater
war nicht unter den Mördern.
Meine Mutter
hatte die Mörder nicht lieb.
Aber dein Volk,
wohnend mit meinem Volk,
hatte kein Land und wurde
zusammengetrieben in kein Land,
das wird genannt bleiben:
Auschwitz, Mauthausen, Treblinka.
Und seine Mörder
kamen aus meinem Volk.

IX

Deine erste Liebe
hieß Fritz.
Oh, Judith,
schließe die Augen nicht,
wenn du so daliegst
unter diesem Himmel
für mich,
gehe nicht, Judith,
sieh mich noch an,
höre mich noch:
Mein Vater
war nicht unter den Mördern.
Meine Mutter
hatte die Mörder nicht lieb!

X

Wohin bist du gegangen,
wie soll ich dich umfangen
in all der Dunkelheit?
Wohin bist du gefahren
im Rauch aus deinen Haaren.
Was trägt dich fort - so weit?

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