![]() Themen |
Der Wunsch nach Respekt Diljana Lambreva 10.10.2007. "Würdige Arbeit, würdiges Entgelt" - die Parole am Schulgitter der Wassil-Aprilow-Grundschule in Sofia fällt schon von Weitem ins Auge. Der Schulhof ist ungewöhnlich leer, am Eingangstor haben sich die Lehrer um einen Tisch gruppiert. Sie sammeln Unterschriften von Passanten für eine Petition an das Parlament, die ihre Forderungen gegenüber dem Staat untermauern soll. Aus Lautsprechern tönt John Lennons "Let it be". Seit dem 25. September sind die bulgarischen Lehrer in einen unbefristeten Streik getreten. Sie fordern die Verdopplung ihrer Löhne, die bislang lediglich zwischen 150 und 170 Euro im Monat betragen. Die Unterstützung der Bulgarien für die Lehrer ist groß, doch die Regierung nimmt die Forderungen noch nicht recht ernst. Ein landesweiter Streik der Lehrer, Sozialarbeiter und Förster soll das heute ändern. Von nationalem Interesse Mehr Geld für Bildung auszugeben, war ein wichtiger Teil des Wahlprogramms der regierenden Sozialisten. Ministerpräsident Sergej Stanischew bestätigt zwar immer noch, dass Bildung oberste Priorität hat, dennoch rief er die Lehrer auf, die begrenzten finanziellen Kapazitäten des Landes zu berücksichtigen. Bildungsminister Daniel Waltschew appellierte an das Pflichtbewusstsein der Lehrer und plädierte für eine Lohnerhöhung von lediglich 30 Prozent. Innerhalb von drei Stunden haben schon 688 Passanten an der Wassil-Aprilow-Grundschule mit ihrer Unterschrift die Petition der Lehrer an das Parlament unterstützt. Das Interesse ist groß, denn seit Sonntag ist der Streik nicht mehr nur Sache einer Berufsgruppe. Ein Fernsehsender hatte auf einer Pressekonferenz mitgeschnitten, wie der Bildungsminister und der Finanzmister sich abfällig über die Forderungen der Lehrer äußerten, sie sprachen von "lästiger Rederei" und lax davon, mal "ein, zwei Kalkulationen" zu machen. An einer Einigung war ihnen offensichtlich nicht gelegen. Im Gegenteil. Der Sender zeichnete auf, wie die Beiden beschlossen, die Verhandlungen so oft zu vertagen, bis die Lehrer aufgeben. Das brachte die Bulgaren auf; der Streik ist zu einem Nationalstreik geworden, dem sich heute die Sozialarbeiter und Förster anschließen wollen. Auch sie fordern höhere Löhne. Die Opposition kündigte ein Misstrauensvotum gegen die Regierung an. "Danke, sehr nett", sagt Diana Kolewa und schaut sich zufrieden die immer größer werdende Unterschriftenliste an. "Ich liebe meinen Beruf, seit 20 Jahren", sagt die Biologielehrerin. Trotz allem. Denn Kolewa muss mit 165 Euro im Monat auskommen und davon zwei Kinder ernähren. Weiterbildungskurse in Informatik habe sie selbst finanziert, denn die Lehrpläne seien immer anspruchsvoller und der Staat kümmere sich nicht darum. "Die Schmerzgrenze ist wirklich erreicht", sagt die Lehrerin. "Es ist purer Zynismus, wie die Politiker die Lehrer behandeln", unterbricht sie ein Mann, der gerade die Petition unterzeichnet hat. "Wie sollen die Schüler Lehrer respektieren, die nur abgetragene Kleider tragen?", fragt eine Passantin. Bei dem Lehrerstreik geht es offensichtlich um mehr als um bessere Bezahlung und Bildungsreformen: Die Forderungen sind vor allem ein Zeichen für den Wunsch nach Respekt. Denn die falsch gesetzten Prioritäten in der Nachwende-Politik Bulgariens haben den gesellschaftlichen Zusammenhalt erschüttert. Durch den heutigen Nationalstreik zeigt sich aber eine neu aufkeimende Bereitschaft der Bulgaren, gemeinsam für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Denn vielen ist klar, dass eine falschverstandene Bildungspolitik, die nur an Einsparungen interessiert ist, sich langfristig auf die Konkurrenzfähigkeit der bulgarischen Wirtschaft und damit auf die Löhne aller auswirken wird. |
Navigation
|
(C) erdkunde-wissen.de. Konzept, Gestaltung und Redaktion: erdkunde-wissen.de. Nachdruck, Weiterverarbeitung, Weitergabe an Dritte sowie Veröffentlichung nur mit schriftlicher Genehmigung. Keine Haftung für falsche Angaben, keine Gewähr über die Richtigkeit der Informationen. Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Mailen Sie uns einfach.