banner_klein.jpg (6301 Byte)

Themen

Afrika
Amerika
Asien
Australien
Europa

Albanien
Andorra
Belgien
Bosnien
Bulgarien
Dänemark
Deutschland
Estland
Finnland
Frankreich
Griechenland
Großbritannien
Irland
Island
Italien
Kosovo
Kroatien
Lettland
Liechtenstein
Litauen
Luxemburg
Malta
Mazedonien
Moldawien
Monaco
Montenegro
Niederlande
Norwegen
Österreich
Polen
Portugal
Rumänien
Russland
San Marino
Schweden
Schweiz
Serbien
Slowakei
Slowenien
Spanien
Tschechien
Türkei
Ukraine
Ungarn
Vatikanstadt
Weißrussland
Zypern


Das seit der Altsteinzeit besiedelte Gebiet des heutigen Österreich war wegen seiner zentralen Lage Durchzugsgebiet der großen europäischen Völkerwanderungen (deren "Fußkranke", so austriakischer Masochismus, dort hängenblieben). Kelten begründeten in den Alpen die Hallstattkultur der Eisenzeit. Römer befestigten an der Donau die Nordostgrenze ihres Imperiums, daraus wurde die Provinz Noricum. In das Vakuum des zerbröckelnden Imperiums drangen vom Norden her die Germanen ein, aus dem Osten kamen die Slawen und Awaren. Bajuwaren und Franken siedelten in den Alpentälern. Den Bayern waren auch die ersten Markgrafen des Grenzlandes im Osten untertan, die Babenberger (ursprünglich "Popponen" aus Franken), die als Gründerväter des tausendjährigen Staatsgebildes Österreich gefeiert werden. Im 13. Jahrhundert fiel ihr Besitz vorübergehend an Böhmen, doch bald trat ein Geschlecht in die Geschichte ein, das dann sechseinhalb Jahrhunderte lang über Österreich herrschte und das Schicksal des Kontinents entscheidend mitbestimmte: die Habsburger aus dem Aargau, die ab 1452 auch die Kaiserskrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation trugen. Sie dehnten durch Erbschaften und Eheverträge ("Laß andere Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate" ihre Lande zeitweise weltweit aus. Im Reich Karl des V. ging die Sonne nicht mehr unter - er hatte mit Spanien auch dessen überseeische Kolonien geerbt. Das Weltreich wurde nach Karls Tod wieder geteilt, aber die Habsburger blieben Großmacht in Europa. Ihr Herrschaft reichte von den Niederlanden bis Sizilien und dehnte sich nach dem Sieg über die Türken vor Wien 1683 immer weiter nach Osten bis Galizien und zur Burkowina aus. Zwar verlor die Kaiserin Maria Theresia im Siebenjährigen Krieg endgültig Schlesien an Preußen, Frankreich warf die Österreicher aus den Niederlanden, vorübergehend auch aus Italien heraus und nahm den Habsburgern sogar Tirol. Franz II. verzichtete angesichts der Niederlagen gegen den Korsen Napoleon und rheinbündischer Rankünen 1806 auf die deutsche Kaiserkrone, wurde aber als Franz I. erblicher Kaiser von Österreich: nach Napoleons Verbannung beschloß der Wiener Kongreß 1815 eine neue europäische Staatenordnung mit Österreich als Groß- und Führungsmacht des Deutschen Bundes. Noch im Revolutionsjahr 1848 erkor die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche den fortschrittlichen Habsburger Erzherzog Johann zum Reichsverweser. Doch die Reaktion behielt die Oberhand und im habsburgischen Vielvölkerstaat brachen nationale Konflikte aus. 1849 wurde ein Aufstand in Ungarn, vor dem der Kaiserhof aus dem bedrohten Wien ins mährische Olmütz geflohen war, mit russischer Hilfe blutig unterdrückt. Die Niederlage gegen die neue deutsche Vormacht Preußen bei Königsgrätz 1866 zwang den Kaiser zum Ausgleich mit Ungarn, aus dem die k. u. k. Doppel-Monarchie entstand.   Noch einmal erlebte das Habsburgerreich unter Franz-Josef I., der seine 53 Millionen multinationalen Untertanen 68 Jahre lang regierte, eine Blütezeit. Aber die Slawen, beim Ausgleich mit den Magyaren vergessen, begehrten immer heftiger gegen den österreichisch-ungarischen "Völkerkerker" auf. Das Attentat von Sarajevo, bei dem im Juni 1914 serbische Extremisten das Wiener Thronfolgerpaar ermordeten, löste den Ersten Weltkrieg aus, als dessen größte Tragiöde Winston Churchill später den Zerfall des Habsburgerreiches sehen wird: "Es gibt keine einzige Völkerschaft oder Provinz des habsburgischen Reiches, der das Erlangen der Unabhängigkeit nicht jene Qualen gebracht hätten, wie sie von Dichtern und Theologen für die Verdammten der Hölle prophezeit wurden." Was Versailles für Deutschland symbolisierte - eine unerträgliche Demütigung -, das waren die 1919 diktierten Friedensverträge von Saint-Germain-en-Laye und Trianon für Österreich und Ungarn. Das vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson geforderte Prinzip der Selbstbestimmung der Völker fand zwar Anwendung auf abdriftende Teile der Doppelmonarchie. Es war aber von vornherein nicht für deren früheren Kernlande gedacht. Die Tschechoslowakei entstand, Galizien fiel an Polen, aus den südslawischen Gebieten wurde unter der neuen Vormacht Serbien das Königreich Jugoslawien. Ungarn erhielt die Unabhängigkeit, schrumpfte aber auf ein Drittel seines Territoriums und verlor zwei Fünftel seines Staatsvolkes an die tschechoslowakischen, rumänischen und jugoslawischen Nachbarn. Von Österreich blieb ein kümmerliches Rumpfgebilde übrig, das kaum ein Sechstel des einstigen Staatsgebietes umfaßte, mit gerade noch einem Achtel der Bevölkerung der Monarchie. "Der Rest ist Österreich" hatte Frankreichs Regierungschef Georges Clemenceau nach der Aufteilung der Habsburger Beute zynisch dekretiert. Die einstigen Herren des Kaiserreiches verloren auch noch Teile ihrer jahrhundertelang deutsch besiedelten Stammlande: Südtirol, die Untersteiermark, das Sudetenland. Einzig auf Kosten der gleichermaßen gedemütigten Magyaren erhielt Wien mit dem Burgenland einen Streifen Westungarn. Deutsch-Österreich, wie sich der traurige Rest mit dem übergroßen Wasserkopf Wien nun nannte, war "ein Staat, den keiner wollte" (so der Publizist Hellmut Andics). Seine erste provisorische Nationalversammlung beschloß am 12. November 1918 einstimmig: "Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik". Doch die Sieger bestimmten: "Die Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich" und belegten die Geschlagenen mit einem strikten Anschlußverbot. Die Österreicher, die mit ihrem Imperium auch ihre Identität verloren hatten, sollten künftig mit sich selber fertig werden. Das schaffte der Staat, der sich schon bei seiner Gründung selbst aufgegeben hatte, in seiner kurzen Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen nicht. Das westlichste Bundesland Vorarlberg wollte sich per Volksabstimmung der Schweiz anschließen, doch die Eidgenossen winkten ab. Tirol strebte eine eigene Republik an, aber die Entente verdammte die Älpler zum Verbleib im ungeliebten Rumpfstaat. Die Gründer der Ersten Republik mühten sich redlich, mit der verlorenen Vergangenheit und Glorie aufzuräumen. Per Habsburger-Gesetz wurde der Besitz des Kaiserhauses eingezogen, dessen Mitglieder des Landes verwiesen. Ein Adelsverbot beseitigte die monarchischen Herrschafts- und Sozialstrukturen. Am 10. November 1920 trat die neue demokratische Verfassung eines förderalen Bundesstaates in Kraft, ein für seine Zeit modernes Grundgesetz. Doch der totale Zusammenbruch des riesigen habsburgischen Wirtschaftsraumes, der von der südlichen Adria bis in die Ukraine gereicht hatte, dazu noch die ruinösen Reparationsforderungen der Entente, türmten dem Kleinstaat unlösbare ökonomische Probleme auf. Eine Hyperinflation stürzte die Massen ins Elend. Die soziale Not verhärtete die innenpolitischen Fronten, Sozialdemokraten und Christsoziale standen einander als "Austromarxisten" und "Austrofaschisten" immer unversöhnlicher gegenüber. Deutschnationale wiederum sahen in dem beim großen Nachbarn zu Macht und Einfluß kommenden Landsmann Adolf Hitler den Erlöser. Die Parteien bewaffneten sich - der christsozialen "Heimwehr" stand der "Republikanische Schutzbund" der Sozialdemokraten gegenüber. Am 15. Juli 1927 zündeten linke Demonstranten aus Wut über den Freispruch reaktionärer Totschläger den Wiener Justizpalast an. Die Regierung des Prälaten Ignaz Seipel erteilte Schießbefehl, 89 Menschen starben. 1933 schaltete Kanzler Engelbert Dollfuß, wegen seiner autoritären Allüren bei 151 cm Körpergröße als "Milimetternich" verspottet, das Parlament aus und regierte das Land per Verordnungen und Standrecht. Sein Vorbild und Gönner war Italiens faschistischer Herrscher Benito Mussolini. Die als politisches Sammelbecken seines "Ständestaates" begründete "Vaterländische Front" wählte ein den Ostgoten zugeschriebenes "Kruckenkreuz" zum Symbol, das Hitlers Hakenkreuz konterkarieren sollte. Denn das Nazi-Emblem warf längst seinen Schatten über Österreich. Seit dem Amtsantritt des Braunauers in Berlin am 30. Januar 1933 gab es wieder Anschlußdruck - diesmal ging er vom Nachbarn aus. Die von Dollfuß angeordnete Entwaffnung des Schutzbundes führte am 12. Februar 1934 zu einem Bürgerkrieg, in dem die Regierung Artillerie gegen Arbeitersiedlungen einsetzte, die sozialdemokratischen Milizen als Behelfsfestungen dienten. Bilanz des Bruderkampfes: mehr als 300 Tote, 1000 Verwundete, 2000 Verhaftete. 9 führende Schutzbündler wurden standrechtlich zum Tode verurteilt und gehängt, einen schwerverletzten Sozialdemokraten schleppten die christlichen Sieger auf der Tragbahre zum Galgen. Am 1. Mai erließ Dollfuß eine neue ständesstaatliche Verfassung. Österreich war nun klerikal-faschistisches Staatswesen, dessen Schöpfer freilich bald einem mächtigeren Feind zum Opfer fiel: am 25. Juli 1934 putschten die Nazis in Wien. Eine illegale SS-Standarte 89 stürmte das Kanzleramt und die Rundfunkzentrale. Dollfuß wurde angeschossen und verblutete in seinen Amtsräumen. doch die Putschisten konnten von der Exekutive überwältigt werden. 8 Anführer wurden hingerichtet, Hunderte Nazis in sogenannte Anhaltelager gesperrt, in denen sie nun zusammen mit den verhaßten Marxisten einsaßen. Tausende illegaler Nazis flüchteten ins "Altreich" und begründeten dort eine "Österreichische Legion" für den Tag X, die "Befreiung" der Heimat. Der neue Kanzler Kurt von Schuschnigg suchte zwischen allen Fronten zu vermitteln - er amnestierte Nazis und Sozis, stellte sich unter den Schutz Mussolinis, der gegen den SS-Putsch in Wien 5 Divisionen am Brenner hatte aufmarschieren lassen, biederte sich aber gleichzeitig bei Hitler an. Er verpflichtete sich zu einer "deutschen Politik" und nahm Nationalsozialisten in sein Kabinett auf. Doch Hitler wollte alles. Im Februar 1938 zitierte er Schuschnigg zu sich auf seinen Berghof bei Berchtesgaden und diktierte dem Österreicher seine Bedingungen - "verhandelt wird nicht, Sie haben zu unterschreiben": in Wien sei umgehend ein NS-Regime zu installieren. Schuschnigg fügte sich und übergab das Innenministerium dem Hitler-Kandidaten Arthur Seyß-Inquart. Doch dann versuchte er mit einem letzten Kraftakt doch noch Österreichs Unabhängigkeit zu retten. Unter der Parole "Rot-weiß-Rot: Bis in den Tod" setzte er für den 13. März eine Volksabstimmung "für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" an. Hitler tobte und drohte. Am 11. März trat Schuschnigg zurück. Am nächsten Morgen marschierte die Wehrmacht in Österreich ein und wurde mit überschäumendem Jubel begrüßt. Drei Tage später konnte Hitler auf dem Heldenplatz in Wien vor Hunderttausenden die größte "Vollzugsmeldung meines Lebens" erstatten - "den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich". Eine Volksabstimmung, von der Juden und "unzuverlässige Elemente" ausgeschlossen wurden, ergab einen Monat später angeblich eine Zustimmung von 99,73% für den unterdessen längst vollzogenen Anschluß. Den hatten böse Zugen zum "Ranschmiß" umgetauft, da auch politische, gesellschaftliche und kirchliche Würdenträger die Vereinigung begrüßt hatten - "mit freudigen Herzen" (der Sozialdemokrat Karl Renner), "besten Segenswünschen" (die katholischen Bischöfe), in "namenslosem Glück" (der Dichter Josef Friedrich Perkonig). Nicht nur der Staat, auch der Name Österreich wurde ausgelöscht. Aus den Bundesländern Ober- und Niederösterreich wurden Ober- und Niederdonau. Die Metropole Wien, wo der junge Hitler als obdachloser Kunstmaler gescheitert war, schrumpfte zur Gaustadt. Die Österreicher aber waren nach anfänglicher Anschlußhysterie, als die NS-begeisterten sogenannten "Märzveilchen" zu Millionen aus der Erde schossen, wieder einmal gespalten. Auf der einen Seite mühten sich die von den deutschen Verbündeten im Ersten Weltkrieg als "Kamerad Schnürschuh" geschmähten Ostmärker, nun noch hundertprozentiger zu sein als die Preußen. 10% des Volkes traten der NSDAP bei - im "Altreich" hatten nur 8% ein Parteibuch. Die latent antisemitischen Ostmarker taten sich bei der Judenverfolgung hervor - die "Reichskristallnacht" verlief in Wien grausamer als in deutschen Städten. Von 220.000 Wiener Juden erlebten dort nur 200 das Kriegsende. Der Österreicher-Anteil an SS-Haudegen und KZ-Schergen war weit überproportional. 1.2 Millionen Ostmärker kämpften in der Wehrmacht an allen Fronten von Narvik bis Kreta, 220 von ihnen brachten es bis zum General, 326 erhielten das Ritterkreuz. Aber eine Viertelmillion Österreicher fielen in Hitlers Dienst, 30.000 starben an den Galgen der Nazis, in ihren Konzentrationslagern und Kerkern. In der Haft und in den Bombentrümmern entstand, was der Ersten Republik gefehlt hatte, nun aber der Gründung der Zweiten zugute kam - ein österreichisches Nationalgefühl. Der "Rest" von 1918 fand 1945 seine eigene Identität, eine Republik, die ihre Bürger wollten.Die Wiederherstellung des österreichischen Staates war seit der Moskauer Deklaration vom November 1943 erklärtes Kriegsziel der Alliierten. So konnten die Österreicher fortan behaupten, das erste unschuldige Opfer brutaler nazistischer Aggressionen gewesen zu sein. Am 13. April 1945 eroberten die Sowjets Wien. Bereits am 25. installierten sie eine provisorische Regierung unter dem sozialdemokratischen Veteranen Karl Renner, dem damit zum zweitenmal die undankbare Aufgabe zufiel, sein Land aus den Trümmern eines verlorenen Krieges zu führen. Die Westalliierten fanden sich mit der von Stalin berufenen Regierung nur zögernd ab. Doch das Ergebnis der ersten freien Wahlen im November überzeugte sie ebenso, wie es Moskau schockte: die KPÖ, die mit 25% der Stimmen gerechnet hatte, erhielt nur gut 5%, die überwältigende Mehrheit der Österreicher wählte die christlichsoziale Volkspartei oder die Sozialisten. Leopold Figl, Kanzler der ersten Koalitionsregierung, trat sein Amt mit dem Bekenntnis an "Wir sind kein zweiter deutscher Staat. Wir sind nichts anderes als Österreicher". Österreich wurde, wie Deutschland, in 4 Besatzungszonen aufgeteilt, Wien von den legendären "Vier im Jeep" verwaltet. Doch anders als in Deutschland konnten die Österreicher eine Ost-West-Teilung ihres Landes verhindern. Das Volk verdrängte die jüngere Vergangenheit, indem es sich der älteren zuwandte - der guten alten Zeit voller glanzvoller Kultur und Lebensart. Trotz Hunger und Wohnungsnot erstanden das Burgtheater und die Staatsoper bald wieder in altem Prunk. Und nicht nur der Dialekt wurde zur Abgrenzung von den Deutschen gepflegt: Unterrichtsminister Felix Hurdes ließ das Fach "Deutsch" sogar aus Lehrplänen und Zeugnissen entfernen und durch "Unterrichtssprache" ersetzen, die vom Schülermund daraufhin in "Hurdestanisch" umgetauft wurde. Gegenüber den allmächtigen Besatzern zementierten die Österreicher ein politisches System, das sich auf über 90% der Bevölkerung stützen konnte - eine schwarz-rote Dauerkoalition mit einem die Gesellschaft bis heute lähmenden Proporz. Der Staat wurde von der Regierungsspitze bis zum letzten Weichensteller oder Waldheger nach Parteibuch aufgeteilt - mit der Folge, daß von gut 7 Millionen Österreichern anderthalb ein solches besaßen. Weltrekord für eine Demokratie. Der Proporz trug sicher dazu bei, daß die Österreicher weltpolitische Chancen ohne inneren Zank nutzen konnten und nach zähem Ringen mit den Alliierten am 15. Mai 1955 per Staatsvertrag ihre Unabhängigkeit in Einheit erlangen konnten. Als im Land, in dem der Antisemitismus miterfunden worden war, auch noch der weltläufige Jude Bruno Kreisky Kanzler wurde, geriet die Alpenrepublik zu einer "Insel der Seligen" (Papst Paul VI). Fast anderthalb Jahrzehnte, von 1970 bis 1983, regierte der von seinen Landsleuten zu einem sozialdemokratischen "Sonnenkönig" hochstilisierte Kreisky. Ein großbürgerlicher Reformer, ein Jude, der die Juden, wenn überhaupt für ein Volk, dann für ein "mieses" hielt, ein von den Nazis verfolgter Emigrant, der in sein erstes Kabinett ein halbes Dutzend Ex-Nationalsozialisten berief, ein weltweit agierender Außenpolitiker, der Libyens Gaddafi zu seinen Freunden zählte und Jassir Arafat auf diplomatischem Parkett hoffähig machte. In Kreiskys Ära brachte es freilich auch Kurt Waldheim zum langjährigen UNO-Generalsekretär. Er wurde später als Bundespräsident wegen seiner vertuschten Kriegsvergangenheit auf dem Balkan weltweit isoliert, von den USA sogar mit Einreiseverbot belegt. Da hatte Österreich dann jene Vergangenheit wieder eingeholt, die es so lange erfolgreich verdrängt hatte und an der vorbei Wien von seiner internationalen Reputation als Mittler an der Schnittstelle der Blöcke profitiert hatte: Treffpunkt der Großen dieser Welt, Sitz der Internationalen Atomenergiebehörde und anderer UNO-Ableger sowie des Erdöl-Kartells OPEC. Österreich war darüber reich geworden, auch dank eines blühenden Fremdenverkehrs. Die neutrale Republik machte ungeniert Geschäfte mit allen Seiten. Hochtechnologie ging an Embargos vorbei in den Osten, im Golfkrieg lieferte Österreichs staatliche Schwerindustrie Kanonen an den Irak wie an den Iran. Bei so vieler Skrupellosigkeit konnten Skandale nicht ausbleiben - Mitte der 80er Jahre geriet das Land angesichts einer Häufung von Korruption- und anderen Affären in den Ruch einer "Skandalrepublik". Politisch brachte Österreich aber nicht nur einen Kreisky und einen Waldheim hervor, sondern auch Jörg Haider, dem es unter anderem mit fremdenfeindlichen Parolen gelang, seine FPÖ von einer Splittergruppe zu einer Volkspartei hochzupeitschen, die sich zielstrebig an die beiden großen Parteien heranpirschte. Derzeit stellt die FPÖ mit Jörg Haider sogar den Landeshauptmann in Kärtnen. Im Oktober 1999 wählte Österreich - es gab einen eindeutigen Rechtsruck, denn die FPÖ wurde zweitstärkste Partei, während die ÖVP nur Ditter wurde und nach 14 Jahren Regierungsbeteiligung in die Opposition geht. Dachte man zumindest. Nach monatelangen Verhandlungen der SPÖ mit der ÖVP vollzog letztere eine Kehrtwendung und bildete mit der FPÖ eine Koalition. Ein Schrei der Empörung in ganz Europa und auch weltweit war die Folge, der faktische Abbruch der Beziehungen zwischen der EU und Österreich, die Abberufung des Botschafters Israels und der USA. Auf der größten Anti-Regierungsdemonstration in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg demonstrierten am 19.2.2000 in Wien rund 250 000 Menschen gegen die Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) von Jörg Haider (50). Die mit Tausenden von Kerzen ausgestatteten Demonstranten auf dem Wiener Heldenplatz warfen Haider Rassismus vor. Zu der Kundgebung hatten u.a. der Gewerkschaftsbund ÖGB und der Rentnerverband aufgerufen. Die Organisatoren erklärten, die Kundgebung sei so groß gewesen wie die Demonstration von 1993, als schon einmal Hunderttausende gegen Haider und dessen den Nationalsozialismus verharmlosende und ausländerfeindliche Äußerungen protestiert hatten. Sie forderten den Rücktritt der neuen Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP, 54). Auch aus Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden waren Demonstranten angereist. Die FPÖ bezeichnete die Kundgebung als Aufmarsch von Kommunisten und Sozialisten. In der Anfang Februar 2000 gebildeten Mitte-Rechts-Koalition ist die FPÖ mit mehreren Ministern vertreten.

Der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider ist am 17.04.2005 zum Chef der neuen rechtspopulistischen Partei Bündnis für die Zukunft Österreichs (BZÖ) gewählt worden. Der 55-jährige Haider hatte Anfang April die Gründung der BZÖ angekündigt und damit die lange von ihm dominierte rechtskonservative FPÖ gespalten, die bisher zusammen mit der konservativen ÖVP regierte. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel schwenkte daraufhin auf die BZÖ als neuem Koalitionspartner um. Lesen Sie dazu auch unseren Hintergrundbericht.

Österreich feierte am 15.Mai 2005 50 Jahre Unabhängigkeit und erfüllt zögernd seine Verpflichtungen - lesen Sie dazu einen Hintergrundbericht.

Mitten in der Fußball-EM nehmen Österreichs Sozialdemokraten ihren Kanzler auseinander: Auf einer Sitzung von Vorstand und Präsidium stellte die SPÖ ihrem Chef Alfred Gusenbauer am 16.06.2008 mit Infrastruktur-Minister Werner Faymann einen "geschäftsführenden Vorsitzenden" zur Seite und demontierte ihn damit praktisch als SPÖ-Vorsitzenden. Der Unmut über Gusenbauer war nach verlorenen Wahlen in Tirol immer lauter geworden.

Zuletzt hatte sich auch der bisher loyale Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, den Kritikern des Kanzlers angeschlossen. Faymann sagte nach seiner Wahl, er stütze Gusenbauer als Regierungschef und sehe ihn trotz allem als nächsten Spitzenkandidaten. Ob der 48-Jährige aber wirklich den nächsten Parteitag im Herbst übersteht, ist nach dem gestrigen Aufstand fraglich geworden. Die Kritik an ihm gilt nämlich weniger seiner Rolle in der Partei als seiner nicht unbedingt glücklichen Regierungsführung. Gusenbauers Gegner werfen ihm vor, er könne sich in der Koalitionsregierung gegen die konservative Volkspartei nicht richtig durchsetzen. Sie mokieren sich vor allem über stilistische Fehltritte.

Begonnen hatte es gleich nach dem unverhofften Wahlsieg im Herbst 2006, als Gusenbauer sich voreilig zum "Volkskanzler" ausrief und gleichzeitig in der umstrittenen Frage der Abschaffung der Studiengebühren nachgab und die Gebühren beibehielt. Stirnrunzeln rief der Kanzler hervor, als er die rechtsextremen Wehrsport-Abenteuer von Oppositionsführer Heinz-Christian Strache als "Jugendtorheiten" verharmloste, aus denen man "niemandem einen Strick drehen" dürfe. Als Gusenbauer sich dann noch über das "Gesudere" (Gejammer) auf regionalen Parteitagen beschwerte, rebellierte schließlich auch die Basis. Wiens Ex-Bürgermeister Helmut Zilk wirft Gusenbauer vor, er verfüge über "keine Management-Erfahrung".

Die Präsidien der österreichischen Sozialdemokraten (SPÖ) und der Volkspartei (ÖVP) haben Beratungen über die am 23.11.2008 vereinbarte große Koalition begonnen. Beide Parteien wollen dabei letzte Entscheidungen über die künftigen Minister im rot-schwarzen Kabinett in Wien treffen.

Fest steht bisher lediglich, dass SPÖ-Chef Werner Faymann Nachfolger des bisherigen Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer wird. Der amtierende ÖVP-Vorsitzende Josef Pröll übernimmt voraussichtlich das wichtige Finanzministerium.

Unklar ist dagegen, wer Nachfolger von Außenministerin Ursula Plassnik wird, die am Sonntag - offiziell wegen der Europapolitik der neuen Koalitionsregierung - auf das Amt verzichtete. Als Favorit gilt der bisherige Leiter des außenpolitischen Ausschusses im Nationalrat und Parlaments-Vizepräsident, Michael Spindelegger (48).

Plassnik, die zu den Vertrauten des inzwischen innerparteilich weitgehend entmachteten Ex-Kanzlers Wolfgang Schüssel gehörte - hatte am Sonntagabend offen kritisiert, dass sich die ÖVP in der Frage möglicher Volksbefragungen zur EU-Politik nicht deutlich genug von den Sozialdemokraten abgesetzt habe. Plassnik und die gesamte ÖVP lehnen Referenden zur EU-Politik strikt ab.


Hintergrundberichte:

27.06.2009 "Warum nach Ungarn fahren?" - Zwanzig Jahre nach der Grenzöffnung ist das Nachbarland für die Österreicher kaum von Interesse
02.03.2009 Seltsames Österreich - Die rechten Parteien BZÖ und FPÖ sind in der Alpenrepublik auf dem Vormarsch
09.10.2008 Ohne Illusion zur großen Koalition - In Österreich wird es wohl eine Neuauflage geben
28.09.2008 Österreich wählt rechts - Die Rechtsaußen-Parteien FPÖ und BZÖ erzielen gemeinsam fast 30 Prozent. Die SPÖ stellt die größte Fraktion im Parlament

Zurück nachoben.gif (60 Byte)

Wörterbuch
Synonyme
Woxikon - Online Wörterbuch

a
Navigation


Web erdkunde-wissen.de

Allgemeine Informationen
Link-Datenbank
Kommentierte Links

Pol. System, Einreise & Botschaften
Währung
Klima, Flora & Fauna
Geographie & Fahne
Geschichte & Gegenwart
Bevölkerung
Wirtschaft & Militär
Industrie, Rohstoffe & Landw.
Außenwirtschaft
Verkehr, Umwelt & Energie
Wohlstand & Sicherheit
Entwicklungshilfe
Reiseinformationen

Bildung, Soziales & Kultur
Essen & Trinken
Hintergrundberichte
Medien & Kommunikation

Literatur
Länderfotos
Nationalhymnen

--> Erdkunde
--> Service
--> Seiteninternes

Kommunikation
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Suchmaschine

Google
Web http://www.erdkunde-wissen.de

(C) erdkunde-wissen.de. Konzept, Gestaltung und Redaktion: erdkunde-wissen.de. Nachdruck, Weiterverarbeitung, Weitergabe an Dritte sowie Veröffentlichung nur mit schriftlicher Genehmigung. Keine Haftung für falsche Angaben, keine Gewähr über die Richtigkeit der Informationen. Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Mailen Sie uns einfach.