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Der irre Cousin 
Die Menschen in Südkorea lassen sich von den Drohungen aus Pjöngjang nicht beeindrucken. Doch der Norden spaltet ihre politischen Lager

Justus Krüger

22.06.2009. Die Apokalypse kommt auf dem Fahrrad. Sie trägt einen rot-weiß gestreiften Pappzylinder, und auf dem Gepäckträger ist ein knapp zwei Meter hohes Banner angebracht. Darauf steht: "Jesus Christus - das Himmelreich! Kein Glaube - die Hölle!" Mit dieser endzeitlichen Warnung fährt ein Missionar mitten durch die Menschenmenge im wie immer überfüllten Einkaufsviertel Myeongdong in der südkoreanischen Hauptstadt. Die Passanten kichern. "Der sieht ja aus wie Ronald McDonald", meint Bong Han-yi, bevor er und sein Freund Park Soo-kyung sich wieder den Bauchtänzerinnen zuwenden, die an einem Stand für teure Armbanduhren werben.

Bong und Park studieren Buchhaltung an der Nationaluniversität Seoul, einer der besten Hochschulen im Land. Dort zu studieren bedeutet im hierarchisch gestaffelten Universitätssystem Südkoreas, dass man eine gut bezahlte Arbeit nach dem Abschluss praktisch sicher hat. Gute Aussichten also für die beiden, die ganz entschieden nicht in apokalyptischer Stimmung sind. Daran ändern die christlichen Warnungen des Missionars auf seinem Fahrrad ebenso wenig wie das Säbelrasseln aus Nordkorea.

Raketenstarts, Atomwaffentests, selbst Pjöngjangs Drohung mit einem Atomkrieg vor wenigen Tagen lassen die beiden Studenten unbeeindruckt, und Gleiches gilt für die meisten Südkoreaner. "Das zeigt, dass wir Südkoreaner selbstbewusst sind," sagt Ju Chul-ki. Der südkoreanische Diplomat ist Generalsekretär beim "Global Compact Korea Network", einer UN-Initiative, die sich um die Förderung der Menschenrechte durch verantwortungsvolle Geschäftspraktiken in Korea bemüht. "Unser Militär ist dem nordkoreanischen weit überlegen, und Pjöngjang weiß das ganz genau." Daran würden auch Nordkoreas Atomwaffen nichts ändern, meint er.

Wenn Nordkorea Seoul bombardieren sollte, dann würde der nukleare Fallout Pjöngjang schließlich genauso treffen wie die südkoreanische Hauptstadt. Obendrein wäre der Gegenschlag so hart, dass Nordkoreas Regierung ihn nicht überleben könnte. Die neuen Waffen seien für Kim Jong-il nutzlos und dienten allenfalls der Abschreckung. "Darum machen sich die Südkoreaner wenig Sorgen", sagt der Diplomat und erzählt, dass an dem Tag, als in Nordkorea der Kernwaffentest durchführt wurde, der südkoreanische Aktienindex Kospi nicht gefallen, sondern gestiegen sei. "Daran können Sie sehen, wie groß die Angst in Südkorea ist. Sie existiert praktisch gar nicht."

Trotzdem bleiben die Drohungen aus dem Norden nicht ohne Wirkung. Pjöngjangs Provokationen haben einen starken, polarisierenden Einfluss auf die Atmosphäre im südlichen Nachbarland.

Auf der einen Seite des Spektrums stehen kalte Krieger wie Bong Jin-wu. Er ist der Vater eines der beiden sorglosen Studenten, die sich über den radelnden Missionar belustigt hatten. Überall sieht er Kommunisten am Werk. "Die sogenannten Progressiven", womit er die größte Oppositionspartei im Land meint, "stecken mit Nordkorea unter einer Decke", sagt er bitterernst.

Herr Bong, ein zierlicher Mann mit feinen Gesichtszügen, sitzt im Schneidersitz am niedrigen Wohnzimmertisch und lässt sich von seiner Frau Tee nachschenken. Er arbeitet als Geschichtslehrer an einer Oberschule und lebt in einem bürgerlichen Vorort von Seoul. Die friedliche Atmosphäre in seinem Haus, seine charmante Art der Gesprächsführung und sein gepflegter, bildungsbürgerlicher Habitus kontrastieren auf beunruhigende Weise mit seinen unversöhnlichen Ansichten. Selbst das Gwangju-Massaker von 1980 hält er für gerechtfertigt. Damals ließ die südkoreanische Militärregierung das Verlangen nach demokratischen Reformen zusammenschießen. Mindestens 140 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Demonstranten seien alle Kommunisten gewesen, sagt Bang.

Zu seinen Helden zählt der frühere Militärmachthaber Südkoreas Park Chun-hee. "Heute wird er als Diktator verunglimpft", spricht der Lehrer bekümmert. "Aber er war ein guter Mann. Er hat Südkorea reich gemacht."

Auch den gegenwärtigen, konservativen Präsidenten Lee Myung-bak bewundert er. "Er war früher CEO bei Hyundai", sagt Bong hochachtungsvoll. "Aber Lee wird es schwer haben. Seine beiden Vorgänger im Amt haben zehntausende von kommunistischen Sympathisanten an die Schaltstellen im Staat gehievt."

An Lee schätzt er vor allem, dass er einen härteren Kurs gegenüber Nordkorea eingeschlagen hat. Seine beiden Vorgänger hätten versucht, den Norden durch freundschaftliche Gesten, friedfertige Rhetorik und Wirtschaftshilfe zur Vernunft zu bringen. Ihr Annäherungskurs war als "Sonnenscheinpolitik" bekannt. Für Herrn Bong war das schlicht Landesverrat.

In Deutschland würden Ansichten wie die seinen als rechtsradikal gelten; in der polarisierten Atmosphäre in Südkorea liegen sie noch im konservativen Mainstream.

Die Regierung in Pjöngjang freut sich indes daran, die Gräben zwischen den demokratischen Parteien in Südkorea zu vertiefen. Das tut sie bei Gelegenheit ganz gezielt. Als der frühere Präsident Roh, ein Verfechter der Sonnenscheinpolitik, im Mai eines Korruptionsskandals wegen Selbstmord beging, sprach Nordkoreas Diktator Kim Jong-il den Südkoreanern offiziell sein Beileid aus. Für viele Konservative im Land war das ein Beweis, dass Roh dem Norden zu nahe stand.

Der spaltende Einfluss Nordkoreas auf die Politik im Süden kann nach Ansicht von Lee Geun jedoch gefährlich werden. Der Professor für internationale Beziehungen an der Seoul National University glaubt, dass Leute wie Herr Bong und die politische Partei, die er unterstützt, der südkoreanischen Demokratie ernsten Schaden zufügen könnten und so indirekt die anti-demokratischen Interessen des Nordens fördern würden.

"Die Konservativen neigen dazu, ob der Bedrohung aus dem Norden unsere Bürgerrechte zu beschneiden. Dabei ist ihnen vor allem das Gesetz zur nationalen Sicherheit von großem Nutzen", so der Professor. "Wenn ich Ihnen zum Beispiel sagen würde, dass ich Nordkoreas Verhalten für rational halte, dann könnte ich dafür verhaftet werden. Unsere gegenwärtige Regierung findet, dass solche Äußerungen die Sicherheit unseres Landes im Konflikt mit dem Norden gefährden."

Immerhin ist sich Herr Lee mit Leuten wie Herrn Bong darüber einig, dass mit einem militärischen Angriff aus dem Norden nicht zu rechnen ist. Eine Einschränkung macht er aber: "Ganz offenbar fühlt die Regierung Kim Jong-il sich stark bedroht. Wenn wir sie in die Enge treiben, könnte das zu einer Eskalation des Konfliktes führen." Südkorea und seine Verbündeten sollten Pjöngjang darum langfristige Sicherheitsgarantien geben, anstatt Nordkorea, wie es gegenwärtig geschieht, unter Druck zu setzen. "Wir müssen zuerst wieder ein Grundvertrauen herstellen, um überhaupt reden zu können", meint Lee, der seine eigene politische Haltung als gemäßigt progressiv beschreibt. "Aber für die Konservativen bin ich eine rote Socke, ein Kommunist, vielleicht sogar noch Schlimmeres."

So weit ihre Ansichten auch auseinanderliegen, Herr Bong und Professor Lee teilen doch eine gemeinsame Perspektive: Beide betrachten Nordkorea als ein politisches Problem, dem es mit einer politischen Strategie beizukommen gilt. Einen ganz anderen Blickwinkel haben die Menschen, die versuchen, den Opfern der nordkoreanischen Diktatur zu helfen.

Einer von ihnen ist der amerikanische Missionar Tim Pieters. Zwei Mal pro Woche trifft er sich mit seinem christlichen Zirkel in einer winzigen Galerie unweit des Stadtzentrums von Seoul, die ein Bekannter ihm zur Verfügung stellt. Diesmal sind etwa fünfzehn Leute beisammen. Es sind Südkoreaner und Amerikaner, die zeitweise im Land leben. Es gibt Salzstangen und Cola und gemeinsames Gebet. Pieters berichtet vom Los nordkoreanischer Flüchtlinge in China.

Seine Arbeit besteht darin, ihnen zu helfen. Das ist eine heikle Aufgabe, weil Peking die Flüchtlinge als illegale Wirtschaftsmigranten betrachtet. Wer von der chinesischen Polizei aufgegriffen wird, der wird umgehend nach Nordkorea abgeschoben, wo Flucht mit Folter und Arbeitslager, manchmal sogar mit dem Tod bestraft wird, sagt Tim Pieters. Über Verbindungsleute in China stellt er Kontakt zu Flüchtlingen her und hilft ihnen bei der Weiterreise nach Südkorea. Von ihnen weiß er aus erster Hand, was in nordkoreanischen Gefängnissen vor sich geht.

In der Gebetsstunde erzählt Pieters von einer schwangeren Frau, die für ihren ersten Fluchtversuch mit Arbeitslager büßte. Ein Wächter nahm eine Abtreibung an ihr vor, erzählt der Amerikaner, indem er sie verprügelte und ihr immer wieder in den Bauch trat. Nach ihrer Entlassung aus dem Lager flüchtete sie ein zweites Mal nach China. Sie schaffte es bis nach Thailand, wo sie heute auf die Weiterreise nach Südkorea wartet.

Von Diplomatie gegenüber Nordkorea hält Pieters nichts. "Ich kann überhaupt nicht fassen", sagt der Missionar, "dass Kim Jong-ils Regime von westlichen Ländern behandelt wird, als sei es eine legitime Regierung. Diese Leute sind Verbrecher, und so sollten sie auch behandelt werden."

Für die meisten Südkoreaner aber haben die Schrecken im Nachbarland so wenig mit ihrem Alltag zu tun, dass sie sich kaum darum kümmern. Die beiden Studenten Bong und Park vom Uhren-Stand mit den Bauchtänzerinnen sitzen inzwischen beim Bier in einem "Hof", wie die dem Hofbräuhaus in München nachempfundene Bezeichnung für Kneipen in Südkorea lautet. "Mit meinem Vater rede ich so wenig wie möglich über Politik", sagt Bong Han-yi. "Inzwischen fragt er mich auch nicht mehr danach." Der Student hofft, dass der konservative Präsident die nächste Wahl nicht übersteht. "Wir brauchen einen Präsidenten, der Pjöngjang zur Ruhe bringt", sagt er. Für ihn und Park ist nur wichtig, dass die "Verrückten im Norden" sie nicht belästigen. Mit denen sei das so, als hätte man einen wahnsinnigen Cousin in der Nachbarstadt, sagt Bong nach einem kräftigen Schluck aus seinem Glas. "Das ist für die Familie zwar unangenehm. Aber so lange man ihn nicht reizt, kann man ihn im Großen und Ganzen ignorieren."

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