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Schweinshaxe in Nordkorea Die Geschichte eines Berliners, der eingeladen wurde, für die Regierung in Pjöngjang zu kochen. Sie ist anonym aufgezeichnet, weil er sich zur Geheimhaltung verpflichten musste und aus verständlichen Gründen seinen Namen nicht preisgeben kann.15.02.2003 Am Ende waren es die Ziegen. Sie sahen grau aus, genau wie die Menschen, die sie an Stricken mit sich führten. Und sie waren dünn. Schrecklich dünn. Ich sah die Ziegen und die Menschen und ich wusste: Hier fahre ich nicht mehr hin. Ich saß im Zug. Ich wusste nicht woher ich kam und ich wusste nicht wohin ich fuhr. Alle meine Reisen hatten nachts stattgefunden, bis heute. Jetzt war Tag und ich fuhr über Land. Es war später Herbst. Die üppig grüne Landschaft des Sommers hatte der Farblosigkeit und Kälte Platz machen müssen. Im Zug war es warm. Wir fuhren an Menschen vorbei, die an den Füßen nur dünne Stoffschuhe trugen und vor Häusern standen, deren leere Fensterhöhlen mit Holz und Pappe vernagelt waren. Manche zogen altertümliche Holz-Karren hinter sich her. "Sie sehen sehr arm aus, die Leute hier", sagte ich zu meiner Dolmetscherin. Und sie antwortete: "Die wissen nicht, dass es ein Leben wie in Pjöngjang überhaupt geben kann." Ich hatte nicht viele Versuche unternommen, mit meiner Dolmetscherin über Politik zu reden. Ich hätte auch keine Antworten bekommen. Wer in ein Land wie Nordkorea fährt, weiß, worauf er sich einlässt. Selbst wenn er ein gern gesehener Gast ist. So wie ich. Ich bin Koch. Als ein Bekannter meiner Frau mich ansprach, ob ich Lust hätte, für ein paar Wochen nach Nordkorea zu gehen, stand ich gerade zwischen zwei Jobs. Ich bin viel gereist in meinem Leben, besonders in Asien. Deswegen war mir die Vorstellung nicht fremd, in einem anderen Land zu arbeiten. Angst kannte ich sowieso nicht. Und es sollte gut bezahlt sein: 4 000 Euro für drei Wochen, plus sämtliche Spesen. Ich sagte zu, mit den Koreanern zu sprechen. Der erste Kontakt erfolgte per Mail, aus einer koreanischen Außenhandelsgesellschaft in Rom. Sie suchten jemand, der sich speziell mit der traditionellen deutschen Küche auskennt - Schweinshaxe gegrillt, Klopse, Buletten. Meine Partner bestätigten mir die Konditionen und schlugen mir einen Treffpunkt vor. Ich bekam keinen Vertrag - dafür ziemlich schnell eine Anzahlung. Darum verließ ich mich darauf, dass das schon laufen würde. Schließlich traf ich jenen in einen dunkelblauen Business-Anzug gekleideten kleinen Herrn, der hervorragend Deutsch sprach. Gemeinsam besuchten wir einen großen Supermarkt. Er zeigte mir genau, was sie haben wollten - Waldorf- und Möhrensalat, Eisbergsalat, Schweinshaxe. Ich sollte alles einkaufen und vor meinem Abflug nach Korea verschiffen lassen - eine Cargo-Nummer werde mir rechtzeitig mitgeteilt. Ich plante das wie für einen ganz normalen Restaurantbetrieb - mein Auftraggeber hatte mir gesagt: Legen Sie es so an, dass Sie am Tage so ungefähr achtzig Personen bekochen, mittags vierzig, vierzig abends. Jeden Tag sollte es zu einer Mahlzeit Schweinshaxe geben. Sie haben mir nicht gesagt, für wen ich kochen soll. Kartoffeln, Äpfel, Zwiebeln, alles da, Kohlrabi, Möhren Tomaten auch. Ich habe dann nur ein paar Exoten mitgenommen wie Spinat, Wirsing, Porree und Sellerie; Rinderknochen und Schweineknochen für Saucen. Die Nachricht, dass die Ware montags bereitliegen sollte, kam schließlich an einem Freitagnachmittag. Es war nicht ganz einfach, in dieser kurzen Zeit 800 Kilo Schweinshaxen zu besorgen. Kurz darauf bekam ich das Visum und Tickets für einen Linienflug über Peking nach Pjöngjang. 23 Stunden dauerte die Reise, dafür wurde ich noch auf dem Rollfeld mit einem 500er Mercedes abgeholt. Zuerst wurde ich in einem Gästehaus in Pjöngjang untergebracht - kein Luxus, aber es war alles vorhanden. Das Gästehaus war von einem herrlichen Park umgeben, in dem Fasane und Eichhörnchen lebten. Am zweiten Tag, abends um neun, kam mein Begleiter und sagte mir, dass es jetzt losgehe. Unterwegs holten wir noch die Ware ab, die in einer riesigen Küche gelagert war. Hier wurde offenbar für große Bankette gekocht. Wir fuhren rund zwei Stunden von Pjöngjang aus. Im Dunkeln erreichten wir das Gästehaus, das für drei Wochen mein Zuhause sein sollte. Als ich hier mein Zimmer betrat, traute ich meinen Augen kaum - ein großzügiges Bett, dunkler Holzboden, marmorgetäfeltes Bad. Solche Einrichtung kannte ich sonst nur aus Fünf-Sterne-Hotels. Der Fernseher bot alle über Satellit empfänglichen Programme inklusive CNN und Deutscher Welle. Mein Begleiter gab mir klare Anweisungen: Meine Jalousie, die ein Fenster zum Hof verdeckte, solle die nächsten Tage geschlossen bleiben. Und: Ich dürfe mich nur zwischen den Wirtschaftsräumen und meinem Zimmer bewegen. Der Rest des Gebäudes sei für mich tabu. So kam es, dass ich noch nicht einmal das Restaurant sah, in dem unser Essen serviert wurde. Am nächsten Morgen lernte ich meinen Arbeitsplatz kennen - eine Küche mit mehreren großen Gasherden, der Edelstahl blitzblank geputzt. Rund 20 Mann arbeiteten hier. Mein Dolmetscher war immer dabei, weil keiner Englisch sprach. Aber ich war nicht der erste ausländische Koch. Vor mir war ein Italiener da und von einem französischen Patissier hatten sie sich beibringen lassen, wie man besonders gute Brioches zubereitet. Mit mir kochte ein Chinese aus Macao. Ein Starkoch, der für einen Monat 10 000 Dollar bekam. Es war fantastisch, wie er am Wok gekocht hat. Der Küchenchef war Koreaner, ein wichtiger Mann, der von allen mit Respekt behandelt wurde. Was er verlangte, wurde umgehend erledigt - nicht wie bei uns nach drei Stunden Diskussion. Die Arbeit war hervorragend organisiert - da wurde nicht dämlich gequatscht oder über Musik diskutiert. Und wenn der Küchenchef dann sagte: Jetzt gibt es sechs Stunden keine Zigarettenpause, dann war das so. Die Küche war sehr gut ausgestattet. Die Küchengeräte kamen aus asiatischen Ländern, vor allem Japan. Es gab aber auch einen italienischen Pizza-Ofen. Teilweise waren die Sachen schon etwas älter, aber alles war sehr gepflegt. Besonders in Erinnerung sind mir silberne Kaviarschälchen. So etwas hatte ich bis dahin nur im Kempinski gesehen. Ich war auch von der Hygiene sehr beeindruckt. In der kalten Küche hat niemand ohne Mundschutz gekocht, selbstverständlich nicht ohne Mütze und wenn auf der Jacke ein Blutfleck war, wurde das ausgetauscht. Wenn ein Zwiebelwürfelchen runterfiel, wurde es sofort aufgehoben. Ich bekam zwei Passmänner, absolute Profis, die mir hervorragend zuarbeiteten. Und so kochte ich in den folgenden Wochen mein deutsches Repertoire herunter, das dann in die Speisenfolge eingebaut wurde. Immer stand jemand mit einem Block neben mir und schrieb mit, wie ich die Speisen zubereitete. Besonders beliebt war die Kruste der Schweinshaxe - meist kam das gesamte Fleisch zurück, nur die Kruste war abgegessen. Es wurde an nichts gespart - auch nicht an Haifischflossen für die Suppe, die rund 700 Dollar pro Kilo kosten. Die ersten Tage kochten wir mittags und abends für fünfzig bis sechzig Personen - oft erfuhren wir erst eine halbe Stunde vorher die genaue Personenzahl. Es wurde jeden Tag eine Speisekarte ausgedruckt - auf einem Macintosh-Laptop. Für wen wir kochten? "Für Gäste der Regierung", lautete die Antwort, wen immer ich fragte. Die Menüs hatten oft zehn oder mehr Gänge, getrunken wurden nur Grand Crus aus dem Bordeaux. Wir bekamen dasselbe Essen, in einem Nebenraum der Küche und auch dieselben Weine - ich habe in der Zeit vier oder fünf Kilo zugenommen. Gegen Ende meines Aufenthaltes wurde ich drei Tage durchs Land gefahren, zu touristisch besonders interessanten Orten. Natürlich wurde mir vor allem Pjöngjang vorgeführt, wo Unmengen von Gärtnern die riesigen Rasenflächen mit der Sichel kurz hielten. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr wurde ich das zweite Mal eingeladen - diesmal nur für vierzehn Tage. Wieder kam ich in Pjöngjang an. Nur einen Tag später sollte ich mit dem Zug weiterreisen. Auf dem Bahnhof stand besagter Zug auf einem Nebengleis. Er sah erheblich gepflegter aus als die anderen, überall stand Militär. Ich stieg ein und suchte mein Schlafwagen-Abteil, und als ich aus dem Fenster schaute, sah ich plötzlich eine große Gruppe an Leuten den Bahnsteig hinunterlaufen: der Küchenchef und alle meine Kollegen aus der Küche, außerdem sämtliche Kellner und das Servicepersonal. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Diese Truppe von rund fünfzig Personen würde innerhalb von vierzehn Tagen an fünf verschiedene Orte reisen. Es waren immer besonders schön gelegene Gästehäuser, in denen wir arbeiteten. Die Grundstücke waren abgesperrt, vor den Toren standen Wachposten mit Gala-Uniformen und weißen Handschuhen. Die Auffahrten zu den Häusern waren kilometerlang. Auf dem Gelände waren alle 50 bis 100 Meter Unterstände, wo wieder Wachsoldaten standen. Ich war womöglich noch luxuriöser untergebracht als beim ersten Mal: große Suiten mit Empfangsraum und mehreren Schlafzimmern, natürlich wieder mit Satellitenfernsehen und Fußbodenheizung. Die Küchen waren oft lange Zeit nicht benutzt worden - als ich einmal eine Backofentür etwas heftiger schloss, rieselte der Rost aufs Essen. Wir kochten diesmal für weniger Personen als beim ersten Mal. Meist waren es um die zwanzig. Doch ganz gegen Ende meines Aufenthaltes reduzierte sich die Zahl auf sechs. All diese Menschen reisten durchs Land - um für sechs Leute zu kochen. Natürlich war mir klar, dass ich es mit Privilegierten zu tun hatte. Weniger wegen ihres Gehaltes: meine Dolmetscherin verdiente nur rund 50 Dollar im Monat. Aber im Gegensatz zu vielen ihrer Mitbürger besaß sie einen warmen Wintermantel. Die Leute um mich herum hatten einen festen Job und waren gut genährt. Und der Küchenchef bekam sogar einen Macintosh-Computer für seine Tochter besorgt. Unsere Reisen fanden nachts statt. Wenn es in Autos vonstatten ging, sah ich auf der achtspurigen Autobahn alle zwanzig Kilometer ein liegen gebliebenes Auto, dessen Insassen sich vom Feld Reisig geholt und es angezündet hatten, damit ihnen ein wenig warm wurde. Einmal fuhr vor uns ein Laster mit offener Laderampe im Eisregen. Auf der Rampe saßen dicht gedrängt Menschen, nur von einer dünnen Plastikplane geschützt. Gegen Ende dieser Reise wurde mir die Sache einfach too much. Sicher, bei uns gibt es auch Armut. Aber den meisten Leuten geht es relativ gut, vielen sogar sehr gut. In Nordkorea geht es den meisten Leuten schlecht. Und die in der ersten Reihe machen sich rund. Am letzten Abend wurde mir zu Ehren ein Festessen gegeben. Eine grandiose Mischung aus koreanisch und international. Es gab die berühmten Kim Chi, es gab Langusten mit etwas Kaviar, es gab Haifischflossensuppe und ein wunderbares T-Bone-Steak. Die kaufe ich hier fast nie, weil sie so teuer sind. Es war ein tolles Essen, wirklich. Reichlich Desserts. Doch es war nicht mehr Sommer. Morgen würde ich nach Hause zurückfliegen. Ich würde nicht mehr hierher kommen. Das Essen war köstlich. Ich dachte an die Ziegen. |
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