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Die Juche-Ideologie

Kurz nach der mit Hilfe der Sowjetunion erfolgten Machtübernahme der Kommunisten in Nordkorea im Jahre 1945 begann der starke Mann des Landes, Kim Il Sung, mit der Entwicklung einer eigenständigen Ideologie innerhalb der kommunistischen Ideologie.

Er wollte sich nicht von Moskau und später auch nicht von Peking vorschreiben lassen, wie er herrschen sollte. Er schaffte es, dass im Jahre 1948 die sowjetischen Truppen Nordkorea verließen. Bei all seiner Eigenständigkeit wahrte er jedoch die Grundprinzipien kommunistischer Herrschaft, die von Lenin und Stalin entwickelt wurden und die bis heute in Nordkorea praktiziert werden. Das ließ er auch nie im Unklaren, ansonsten hätte die Sowjetunion sicher eingegriffen.

Trotzdem ist Nordkorea das erste nationalkommunistische Land in der Geschichte des Kommunismus. Es gab von Mitte der 50er Jahre bis 1989 nur noch ein weiteres nationalkommunistisches Land, das war Rumänien. Alle anderen kommunistischen Ländern lassen sich nicht in diese Kategorie einordnen, weder Albanien, China noch Jugoslawien oder Kuba.

Das Kennzeichen der nationalkommunistischen Regimes war und ist, dass für sie die Interessen der eigenen Nation über denen der internationalen kommunistischen Bewegung stehen,  was sie aber nicht humaner gemacht hat, sondern im Ergebnis weitaus repressiver als jedes internationalistisch ausgerichtete kommunistische Regime, wie zum Beispiel Kuba.

Die besondere Bedeutung des Nationalen hat Kim Il Sung in seinen Reden immer wieder hervorgehoben. Bereits Ende der 40er Jahre kritisierte er das blinde Anbeten des Fremden. Als Beispiel nannte er ein Bild einer sowjetischen Landschaft in einer öffentlichen Einrichtung. Er fragte, wieso eine sowjetische Landschaft aufgehängt wurde, wo doch Korea so viele eigene schöne Landschaften hätte. Als es seit Mitte der 50er Jahre zu einem zunächst für Außenstehende kaum zu bemerkenden Riß innerhalb der kommunistischen Weltbewegung kam, stellte sich Kim Il Sung mit seiner Juche - Ideologie auf eine völlig selbständige Linie ein. Die Sowjetunion unter Chrustschow begann sich von den Herrschaftsmethoden Stalins abzuwenden. Statt Terror - oder ideologisch ausgedrückt "Klassenkampf" - trat eine sanftere Form der Diktatur und des Totalitarismus in Kraft. Jeder, der nicht gegen den Kommunismus, im ideologischen Sprachgebrauch Sozialismus, war,  hatte in Zukunft kaum mehr etwas zu befürchten. Auch die Parteikader brauchten keine Angst vor blutigen Säuberungen mehr zu haben. Die Zeit der blutigen Machtkämpfe und der Angst und des Schreckens war in der Sowjetunion und in Polen, der Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Bulgarien vorbei.

Allerdings nicht die Diktatur. Auch zu Chrustschows Zeiten und später unter Breshnew wurde keine Opposition geduldet. Man ging jedoch nicht mehr mit brutaler Gewalt, sondern mit gegenüber der Stalin-Zeit etwas sanfterer Gewalt gegen sie vor. Sie wurden ins Gefängnis gesperrt, mal wieder freigelassen, kamen ins Arbeitslager, kamen auch mal wieder frei, um dann wieder verhaftet zu werden. Man ging ihnen jedoch selten ans Leben, obwohl auch das ab und an mal vorkam.

China, Albanien und in abgeschwächtere Form auch Rumänien, wendeten sich nicht von Stalin und seinen Herrschaftsmethoden ab. Untergründig begann man die Sowjetunion und deren Verbündete als Revisionisten, also Verräter am wahren Sozialismus, zu  bezeichnen. Zunächst bekam die Weltöffentlichkeit noch wenig Wind davon. Seit Ende der 50er Jahre begann China und dann auch Albanien die Sowjetunion öffentlich wegen ihrer Abkehr von Stalin zu rügen. Die Polemik verschärfte sich soweit, dass Albanien 1961 alle Beziehungen zur Sowjetunion abbrach. Die Sowjetunion war seitdem für China und Albanien eine sozialimperialistische Supermacht, die zum Kapitalismus zurückgekehrt war.

Nordkorea unter Kim Il Sung stellte sich ideologisch auf keine der beiden Seiten und kritisierte beide gleich sanft. Es wurde im eigenen Land wie auch international sowohl gegen den Revisionismus (UdSSR, Polen, CSSR usw.) wie auch gegen den Dogmatismus (China, Albanien) polemisiert. Kim Il Sung galt von nun an innerhalb Nordkoreas als der Fortsetzer des Werkes von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Er wurde als der Lenin der heutigen Epoche (60er-80er Jahre) bzw. als der Stalin der heutigen Epoche bezeichnet. Er hätte als einziger aus allen Fehlern der anderen gelernt und baut in Nordkorea das Paradies des Sozialismus und Kommunismus in absoluter Vollkommenheit auf.

Im praktischen Sinne hielt Nordkorea stets die Balance zwischen der Sowjetunion und China und bestand auf gleich guten und gleich starken Beziehungen zu beiden kommunistischen Supermächten. In dieser Beziehung hat sich von Ende der 50er Jahre bis zum Ende der 80er Jahre nichts geändert. Ende der 80er Jahre begann erstmals eine wirkliche Polemik gegen andere sozialistische Länder, nachdem die ersten dieser Staaten diplomatische Beziehungen zu Südkorea anstrebten und dies auch verwirklichten.

Ansonsten hat sich das Land aus allen Konflikten herausgehalten. Ein letztes Beispiel für das angebliche Lernen aus den Fehlern anderer, die Vervollkommnung des eigenen Regimes und die Hervorhebung der Selbständigkeit war die Durchführung einer Kulturrevolution in Nordkorea, die sich allerdings ganz und gar von der chinesischen unterschied. Im Gegensatz zu China gab es keine einzige Initiative von unten, jeder Schritt dieser Kulturrevolution war 100prozentig von der Partei geplant. Es gab keine Spontanität wie in China. Alles in dieser Kulturrevolution, die noch bis in die 90er Jahre anhielt, stand unter der vollen Kontrolle der Partei. Außerdem wurde die Kulturrevolution auch nicht eigenständig proklamiert, sondern nur als Teil der "3 Revolutionen", der ideologischen, der Kultur- und der wissenschaftlichen Revolution. Es wurden speziell ausgebildete Parteikader ins Land geschickt, die "3-Revolutionen-Brigaden", die die Umsetzung der 3 Revolutionen überwachten. Die Brigademitglieder hatten besondere Befugnisse und standen über allen wirtschaftlichen Belangen. Sie konnten, soweit bekannt, zu jeder Zeit Versammlungen einberufen, wenn sie es für nötig hielten, um ihre "Rotlichtbestrahlungen" (ein DDR - Begriff) durchzuführen.

In den 90er Jahren hat sich die Juche - Ideologie nicht viel weiterentwickelt, auch nicht nach dem Tod Kim Il Sungs. Kim Jong Il, der heutige kommunistische Machthaber, hat die Juche-Ideologie in einem seiner Bücher so bezeichnet, dass für sie der Mensch der Herr der Welt sei. Über dem Menschen gäbe es nichts mehr, deshalb ist der Mensch auch der Gestalter der Welt, nur er allein.

Diese Einstellung bzw. Ideologie dürfte auch der Grund für den Niedergang  und die Grausamkeit des Kommunismus.

Was die Zukunft des Landes angeht, so wird ein Kurswechsel oder eine Art Wende sehr schwierig werden, da Nordkorea ein weltweit einmaliger Fall ist. Als einziges Land in der Welt haben die Einwohner seit 56 Jahren keinen Zugang mehr zu ausländischen Medien, auch nicht zu südkoreanischen. Es gibt zum Beispiel Radios mit nur einem eingestellten Sender oder Fernseher, die man nicht umschalten kann. Die Menschen wissen gar nicht, wie es in der übrigen Welt aussieht, sie wissen auch nichts von anderen Ideologien, politischen Ausrichtungen usw. Nur dass es in China ein wenig anders aussieht und dass es dort mehr zu essen gibt, das wissen sie. Selbst wenn Reformer in Nordkorea an die Macht kämen und das Land langsam aus seiner kommunistischen Ausrichtung herausführen würden, einen anderen Weg der Wende wird es sicher nicht geben, wird es Jahrzehnte brauchen, bis die Menschen eigenständiges Denken und Handeln lernen. 

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