<> Erdkunde-Wissen
banner_klein.jpg (6301 Byte)

Themen

Afrika
Amerika
Asien
Australien
Europa

Afghanistan
Armenien
Aserbaidschan
Bahrain
Bangla Desh
Bhutan
Brunei
China
Georgien
Indien
Indonesien
Irak
Iran
Israel
Japan
Jemen
Jordanien
Katar
Kambodscha
Kasachstan
Kirgistan
Kuwait
Laos
Libanon
Malaysia
Malediven
Mongolei
Myanmar
Nepal
Nordkorea
Oman
Ost-Timor
Pakistan
Palästina
Phillippinen
Saudi-Arabien
Singapur
Sri Lanka
Südkorea
Syrien
Tadschikistan
Taiwan
Thailand
Turkmenistan
Usbekistan
VAE
Vietnam


Mit Gottes Hilfe 
Der Iran wählt heute seinen Präsidenten. Amtsinhaber Ahmadinedschad hat gute Chancen - obwohl er selbst Konservative regelmäßig befremdet

Martina Doering

12.06.2009. Ungepflegt. Schlecht angezogen. Engstirnig. Das Urteil der 34 Jahre alten Psychologin Schirin Hosseinpur aus Isfahan über ihren Präsidenten ist vernichtend. Ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, aber zu Besuch in Berlin und damit weit von zu Hause entfernt, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. "Er ist einfach kein vorzeigbarer Präsident und würdiger Repräsentant meines Landes," sagt die junge Iranerin.

Mahmud Ahmadinedschad sieht das anders. Vier Jahre ist er jetzt im Amt, und er möchte es weitere vier Jahre bleiben. Er ist einer von vier Bewerbern, die heute bei der Präsidentschaftswahl im Iran kandidieren. Das Land hat schon vieles überstanden. Es hat Revolutionen und Kriege erlebt und schwere Zeiten durchgemacht. Viele Iraner rechnen die vergangenen vier Jahre dazu.

Als der kleine Mann mit der beigefarbenen Windjacke im Sommer 2005 die Stichwahl gegen das politische Schwergewicht Haschemi Rafsandschani gewann und damit den erfolglosen Reformer Mohammed Chatami ablöste, waren selbst seine Wähler und Anhänger überrascht. Der damals 49-jährige hatte sich als Anwalt der kleinen Leute präsentiert. Sein politisches Programm waren Versprechen: mehr soziale Gerechtigkeit, Teilhabe am Ölreichtum des Landes, Durchsetzung der wahren islamischen Werte und der Moral-Regeln, Einsatz für die Ideale der Revolution und eine saubere Regierungsführung.

Die Ahmadinedschad-Anhänger hofften darauf, dass er die Versprechen einlöst. Seine Gegner befürchteten das Schlimmste.

Der Sohn eines Schmiedes aus einem kleinen Ort südlich von Teheran hat nie einen Hehl aus seiner Gesinnung, seinem schlichten Weltbild gemacht. 1980 meldete sich der junge Ahmadinedschad freiwillig zum Dienst bei den Revolutionsgarden. Als Gardist nahm er teil am achtjährigen Krieg gegen den Irak.

Nach dem Krieg machte Ahmadinedschad seinen Abschluss als Verkehrsingenieur, begann seine politische Karriere in der Provinz und brachte es schließlich 2003 als Kompromisskandidat der Konservativen bis ins Bürgermeisteramt von Teheran. In dieser Funktion ließ er Plakate mit dem Fußballstar David Beckham in kurzen Hosen aus dem Straßenbild entfernen, verbot Jazz-Festivals, ließ Internet-Cafés schließen und verfügte, dass Frauen und Männer in den Behörden in getrennten Aufzügen fahren müssen.

Im Juni 2005 war dieser Mann nun plötzlich der Präsident eines Landes geworden, das noch immer nach seiner Identität sucht und voller Widersprüche steckt.

In der Verfassung von 1980 ist das Nebeneinander von theokratischen und demokratischen Institutionen verankert. Das Volk ist souverän und darf wählen, darüber jedoch steht der Wille Gottes. Wer aber weiß, was Gott will, wenn es um Ölförderung, Börsen und Arbeitslosigkeit geht? Also wurde ein System errichtet, in dem ein oberster Revolutionsführer das letzte Wort hat, dem diverse politisch-religiöse Gremien zur Seite stehen.

Gottes Wille scheint manchmal schwer durchschaubar zu sein. In den Anfangsjahren etwa förderten die Ajatollahs noch die Geburtenfreudigkeit, wenig später führten sie die Geburtenkontrolle ein. Das hat nicht verhindert, dass die Islamische Republik heute mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Baby-Booms zu kämpfen hat: sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung sind unter dreißig Jahre alt.

Auch die Ideale der Revolution wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit der Bürger ließen sich leichter propagieren als umsetzen. Und so klafft die Schere zwischen Arm und Reich heute weiter auseinander als während der Schah-Herrschaft. Das islamische Recht benachteiligt Frauen. Doch die Iranerinnen habe sich mit den Jahren hohe Positionen in Staat und Verwaltung erstritten, stellen die Mehrheit an den Universitäten, spielen Fußball, fahren Taxi, leiten Unternehmen und Verlage. Sie sind selbstbewusster und aktiver als ihre Leidensgenossinnen in den arabischen Ländern.

Dieses doppelte System, dieses Nebeneinander von Diktatur und Demokratie, von Ideologie und Pragmatismus führt nicht nur zu Widersprüchen in Politik, Wirtschaft und im sozialen Bereich. Es bewirkt, dass fast jeder Iraner zwei Leben hat.

In dem einen Leben - zu Hause, im Kreis der Familie und unter Freunden - schimpft er auf die Mullahs, trinkt Alkohol, sieht die Religion als Privatangelegenheit und bewundert die USA wegen ihrer Macht und technologischen Überlegenheit.

In dem anderen, dem öffentlichen Leben, betet er die Mullah-Sprüche nach, verdammt den Konsum von Alkohol und schreit "Nieder mit Israel" und "Tod den USA". Eine gesellschaftliche Schizophrenie? Der Iran hat eine der höchsten Selbstmordraten weltweit.

So manche Blüte des Pragmatismus im real existierenden Gottesstaat aber verblüfft. Die Propagandisten des Systems, allen voran Ahmadinedschad, hetzen gegen Israel. Im Iran aber lebt mit 25 000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinschaft in der muslimischen Welt - und hunderte jüdische Iraner reisen jedes Jahr über die Türkei nach Israel, um Verwandte zu besuchen. Das Regime weiß und duldet das. Und in hunderten Telefonaten zwischen Tel Aviv und Teheran, zwischen Isfahan und Jerusalem wird täglich berichtet, wer wen heiratet, wer gestorben ist und ob der Fleischeintopf gut geraten ist.

Andere Staaten wären an all den staatlichen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Widersprüchen zerbrochen. Die klerikale Führung des Iran aber hat diese Unvereinbarkeiten und Herausforderungen über die Jahre tariert. Indem sie Oppositionelle einsperrte, ermordete oder vertrieb. Indem sie mal nachgab, dann wieder die Repressionen verstärkte.

Chatami war das Symbol einer Phase, in der man Druck aus dem Kessel lassen wollte. Während seiner Präsidentschaft nutzte vor allem die Jugend die Chance, sich mehr Freiheiten zu nehmen. Kopftücher wurden kleiner, Mäntel kürzer und das Make-up auffälliger. Die Zahl der Internet-Cafés stieg, die Diskussionen wurden offener, die Kritik lauter und die Forderungen nach Reformen massiver.

Chatamis Nachfolger Ahmadinedschad steht für den Versuch, diese Liberalisierung umzukehren und den Unmut zu dämpfen. Er erfüllte die ihm zugedachte Aufgabe vom ersten Tag an mit vollem Einsatz und - wie viele vermuten - aus tiefer Überzeugung.

Seit er Präsident ist, greift die Moralpolizei strenger durch. Die Einführung von Quoten hat die Zahl der Studentinnen limitiert. Aber Ahmadinedschad ließ auch Sozialwohnungen bauen. Bedürftige bekommen Essen oder Geld. Soziale Programme sollen die untere Mittelschicht fördern. Mit dem konfrontativen Kurs in der Nuklearfrage appelliert er erfolgreich an den starken Nationalismus der Iraner, mit den Tiraden gegen Israel profiliert er sich als Erbe des Revolutionsführers Chomeini.

Viel Energie hat der Präsident in den vergangenen Jahren darauf verwandt, sich eine eigene Machtbasis zu schaffen. Die Revolutionsgarden sind nicht nur die stärkste militärische Kraft im Iran, sondern auch ein Wirtschaftsimperium. Sie erhielten lukrative Regierungsverträge und wurden so zum größten Unternehmen des Landes. Frühere Kameraden aus Ahmadinedschads Garde-Zeiten bekamen hohe Posten. Loyale Getreue erhielten, ungeachtet ihrer Inkompetenz, wichtige Ämter. Auch für die eigene Familie hat er gesorgt: Ein Neffe wurde Industrieminister, der Bruder Inspektor einer Regierungsbehörde, der Schwager Chef eines Staatsfonds.

Das Chaos in der Verwaltung und die Inkompetenz der Minister verschärften jedoch die Krise, die mit dem Verfall der Ölpreise dramatische Ausmaße annahm. Selbst im Lager der Konservativen rief das Unruhe hervor. Und dann versuchte Ahmadinedschad auch noch, seine Regierung religiös zu legitimieren. Seine Amtsführung, erklärte Ahmadinedschad im Frühjahr vergangenen Jahres, werde vom verborgenen zwölften Imam, dem Mahdi, einer der zentralen Heiligen im schiitischen Religionsverständnis, segensreich geleitet.

Die Geistlichen waren mit ihrer Geduld am Ende. Sarkastisch merkte der einflussreiche Kleriker Ayatollah Mahdavi Kani an: "Es ist wohl kaum anzunehmen, dass sich der verborgene Imam an einer Inflationsrate von zwanzig Prozent erfreut." Revolutionsführer Chamenei befahl Ahmadinedschad in sein Büro und zeigte seinem Schützling die Grenzen auf. Seither schlägt Ahmadinedschad leisere Töne an.

Die klerikalen Machtzentren haben sich wieder beruhigt, Chamenei empfahl vor einigen Wochen die Wiederwahl Ahmadinedschads. Einen besseren Kandidaten haben sie nicht. Die wohlhabende Oberschicht und die liberalen Intellektuellen, ein Teil der gebildeten Frauen, die Reformer und auch einige Konservative möchten Ahmadinedschad zwar gern los werden. Doch den Wahlkampf bestimmen nicht Debatten über Reformen, Außenpolitik oder das Image des Iran. Es sind die Wirtschaftskrise und die soziale Lage. Ahmadinedschad gibt die Schuld an der Misere dem Ausland, den Sanktionen, dem Ölpreis-Verfall und einer ökonomischen Mafia im Land, die die Regierung bremst und blockiert. Und viele Menschen auf dem Land, in den kleinen Städten und Dörfern sind bereit, das zu glauben.

Zwei Wochen lang ist nun im Iran ein fast amerikanisch anmutender Wahlkampf abgelaufen. Die Kandidaten traten in Fernsehen-Duellen auf, überfluteten die Wähler mit SMS-Botschaften, stellten sich im Internet vor. Sie reisten durchs Land und wurden von ihren Anhängern wie Pop-Stars gefeiert.

Experten glauben, dass die Wahlbeteiligung darüber entscheidet, wer siegt. 47 Millionen Iraner sind wahlberechtigt. Wenn weniger als 27 Millionen wählen gehen, wäre das für Ahmadinedschad günstig, heißt es, weil 13 Millionen Iraner einen Hardliner bevorzugten. Beteiligen sich mehr als 30 Millionen, könnten die Reformer Moussawi oder Karrubi profitieren.

In fast allen Umfragen liegt Ahmadinedschad vorn, zum Teil bekommt er fast sechzig Prozent der Stimmen. Schirin Hosseinpur, die Psychologin auf Berlin-Besuch, hält die Umfragen für unzuverlässig. Trotzdem glaubt auch sie, dass Ahmadinedschad gute Chancen hat. "Aber im Grunde ist es egal, wer die Wahl gewinnt", sagt sie. "Das System ist stabil. Die Kleriker werden an der Macht bleiben, mit der Hilfe Gottes, der Armee und der Revolutionsgarden, mittels einiger Reformen oder Druck. Der nächste Präsident des Iran passt sich an. Andernfalls wird er blockiert."

Zurück nachoben.gif (60 Byte)

Wörterbuch
Synonyme
Woxikon - Online Wörterbuch

a
Navigation


Web erdkunde-wissen.de

Allgemeine Informationen
Link-Datenbank

Pol. System, Einreise & Botschaften
Währung
Klima, Flora & Fauna
Geographie & Fahne
Geschichte & Gegenwart
Bevölkerung
Wirtschaft & Militär
Industrie, Rohstoffe & Landw.
Außenwirtschaft
Verkehr, Umwelt & Energie
Wohlstand & Sicherheit
Entwicklungshilfe
Reiseinformationen

Bildung, Soziales & Kultur
Essen & Trinken
Hintergrundberichte
Medien & Kommunikation

Literatur
Länderfotos
Nationalhymnen

--> Erdkunde
--> Service
--> Seiteninternes

Kommunikation
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Suchmaschine

Google
Web http://www.erdkunde-wissen.de