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Das verbotene Märchen 20.07.2009. Kürzlich klopfte bei Frau Li wieder einmal das Nachbarschaftskomitee. Vor der Tür standen drei Männer mit roten Armbinden, die höflich fragten, ob die Familie schon gegessen habe. Man mache sich an höherer Stelle ein wenig Sorgen, sagten sie, wegen "dieser Sache", sie verstehe schon. "Nein, deswegen muss niemand beunruhigt sein, wo wir uns doch schon so lange kennen", sagte Frau Li. Sie erinnerte damit an die über dreißig Jahre, die sie nun schon in der gleichen Wohnanlage lebt, aber auch an die roten Geldumschläge, die sie dem Nachbarschaftskomitee gelegentlich vorbeigebracht hat. "Stimmt, wir kennen uns wirklich schon lange", beteuerten die Herren und verabschiedeten sich freundlich. So geht das seit zehn Jahren. Genauer gesagt, seit dem 20. Juli 1999, dem Tag, an dem Chinas Regierung Menschen wie Frau Li zu Staatsfeinden erklärte. Denn die Kassiererin praktiziert Falun Gong, jene Heilslehre, von der die Kommunistische Partei sich so bedroht fühlt, dass sie ihre Anhänger konsequent verfolgt. Tausende - nach einigen Schätzungen sogar hunderttausende - Anhänger wurden festgenommen und zur "Umerziehung" in Arbeitslager geschickt. Dabei hatten die meisten nie etwas anderes getan, als sich morgens mit Nachbarn im Park zu treffen und die Übungen zu absolvieren, die ihr "Meister" Li Hongzhi ihnen auf Kassette gesprochen hatte: Meditationspraktiken, Gymnastikabfolgen und moralische Unterweisungen für ein besseres Leben. "Unsere Grundsätze sind Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Toleranz", sagt Frau Li. "Ich weiß nicht, warum das gefährlich sein soll." Böser Kult Für westliche Kritiker gehört die Kampagne gegen Falun Gong zu Chinas größten Menschenrechtsverbrechen. Peking besteht dagegen darauf, dass es sich bei Falun Gong um einen "bösen Kult" handle, der die Stabilität des Landes bedroht und die Regierung unterwandert habe. Zwar ist es der Partei gelungen, Falun Gong in China weitgehend zu zerschlagen. Doch im Ausland hat sich die Organisation neu erfunden, als Mischung aus spiritueller Bewegung und Aktivistengruppe, die häufig vor chinesischen Botschaften demonstriert. Begonnen hatte alles mit Frühsport. Da die Partei nach der Kulturrevolution ihre Fundamentalopposition gegen alle Traditionen aufgegeben hatte, erlebten jahrhundertealte Körperschulen wie Qigong oder Taichi ein großes Revival. Die Regierung unterstützte den Trend sogar: Die Menschen sollten lieber chinesische Bräuche pflegen als westlichen Moden nachjagen. Zu den Gruppen, die in Parks und auf Plätzen zum Mitmachen einluden, gehörte ab Anfang der Neunzigerjahre auch eine, die sich auf Falun Gong berief, die "Lehre von den großen Gesetzen des Rades", eine Neuerfindung des Meisters Li Hongzhi. Diese verband einfache Bewegungsabläufe mit leicht verständlichen buddhistischen Meditationen. Das war für Anfänger ideal und obendrein technisch modern, denn die Anweisungen kamen von Kassetten, die man sich leicht überspielen und mit nach Hause nehmen konnte. 1995 veröffentlichte Meister Li zudem ein Buch, das vor allem den Reformverlierern aus der Seele sprach: Es beschrieb die Welt als einen Ort voller Ungerechtigkeit und Chaos, aus dem sich jeder einzelne durch Selbstkultivierung befreien könne. So wurde Falun Gong schnell zum Massenphänomen. Mit dem Erfolg stieg auch das Selbstbewusstsein von Meister Li, der als Wanderprediger durchs Land reiste und seine Lehre anpries. "Aberglaube, Abhängigkeit und Weltentzug" seien ihre Grundlagen, urteilt der deutsche Politologe Thomas Heberer. Doch auch wenn die Lehren nicht dazu beitrügen, "die Menschen zu selbstbewussten und liberalen Bürgern zu erziehen", so begründeten sie doch eine "gesellschaftliche Gegenbewegung, die nicht alles dem Profit und Mammon unterwerfen will oder kann". Wiedergeborener Kaiser Meister Li wurde 1951 am Geburtstag Buddhas geboren, zumindest behauptet er das, das Einwohnermeldeamt hat ein anderes Datum verzeichnet. Li versichert auch, in früheren Leben schon Kaiser, General, Gelehrter und Mönch gewesen zu sein und inszeniert sich selbst gern als Erlöser. Die Geschichte seiner Bewegung nennt er ein "Märchen". In den vergangenen Jahren gründete Li 39 Studienzentren, 1 900 Unterzentren und insgesamt 28 000 Gebetszirkel, alle straff organisiert. Geld verlangt er nicht, Spenden nimmt er aber gerne an. Schon früh erregte seine Umtriebigkeit Argwohn. 1999 suchte Li die Machtprobe: Am 25. April ließ er über zehntausend seiner Anhänger nach Peking reisen und dreizehn Stunden lang das Regierungsviertel umstellen. Eine Delegation seiner Anhänger - darunter berühmte Professoren und hohe Beamte - überbrachten dem Premierminister eine Petition, in der sie eine offizielle Anerkennung von Falun Gong forderten. Der Aufmarsch überraschte die Parteiführung so sehr, dass Staatspräsident Jiang Zemin befahl, Falun Gong ganz und gar auszumerzen. Parallel zu den Polizeieinsätzen starteten die Medien eine Propagandakampagne, in der Falun Gong als Sekte dargestellt wurde, die ihre Mitglieder dazu treibe, sich selbst zu verbrennen oder sich den Bauch aufzuschneiden, um dort nach dem "Rad des Gesetzes" zu suchen. Li selbst hatte am Tag vor dem Aufmarsch sicherheitshalber das Land verlassen. Heute lebt er an einem geheimen Ort in den USA. Doch so einfach es ist, Li als Verrückten abzustempeln, so schwierig ist es, das mit seinen Anhängern zu tun. Denn sein Gefolge stammt zum großen Teil aus der gebildeten Mittel- und Oberschicht. Auch außerhalb der Volksrepublik findet Falun Gong seine Anhänger nicht bei leicht verführbaren Jugendlichen oder anfälligen Randgruppen, sondern in der Mitte der Gesellschaft. "Wir sind ganz normale Leute", sagt die Hongkonger Falun-Gong-Sprecherin Sharon Xu, die bei einer Bank arbeitet. "Wir verlangen von niemandem, dass er unseren Glauben teilt und unsere Gründe versteht." Aber es gibt diese Gründe - auch in China, selbst wenn es sie dort gar nicht mehr geben darf. |
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