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Der tote Zhao schockt seine Genossen 
Memoiren von Chinas früherem KP-Chef liegen vor

Justus Krüger

16.05.2009. Wie so ziemlich alle staatstragenden Parteien hat es auch die Kommunistische Partei Chinas zu einiger Meisterschaft in Sachen Geheimniskrämerei gebracht. Um so peinlicher für sie, dass nun doch einmal offen aus dem innersten Zirkel der Macht berichtet wird - und doppelt schmerzhaft, weil die Enthüllungen auch noch das staatlich totgeschwiegene Unthema Nummer Eins betreffen, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989. Der Nestbeschmutzer ist der frühere Generalsekretär Zhao Ziyang. Die damalige Katastrophe sei vermeidbar gewesen, schreibt er. Herbeigeführt habe sie der damalige Premier Li Peng, den Zhao als inkompetent und intrigant bezeichnet.

Das Verdikt über Li sowie detaillierte Schilderungen der damaligen Beratungen im innersten Führungszirkel finden sich in Zhaos posthum veröffentlichten Memoiren. Das 306 Seiten starke Buch erschien am Mittwoch unter dem Titel "Gefangener des Staates" in englischer Sprache. In Kürze soll auch eine chinesische Fassung herauskommen. Selbstverständlich wird sie in China verboten werden. Fast ebenso selbstverständlich wird sie im Land trotzdem in der Form von Raubkopien Verbreitung finden - und das pünktlich zum 20. Jahrestag des Massakers, der für Peking ein äußerst heikles Datum ist.

Zhao hatte in den 80er-Jahren zunächst als Wirtschaftsfachmann und dann als Parteichef eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Reform- und Öffnungspolitik gespielt, die das chinesische Wirtschaftswunder einleitete. Als im Frühjahr 1989 in Peking Studenten ihre Demonstrationen begangen, lobte Zhao ihren "leidenschaftlichen Patriotismus" als "bewunderungswürdig" und versuchte, eine wohlwollende Erklärung der Partei durchzudrücken, um die gefährliche Lage zu entschärfen. "Ich weigerte mich, als Generalsekretär für die Truppenmobilmachung gegen die Studenten verantwortlich zu zeichnen", schrieb Zhao in seinen Memoiren.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er am 19. Mai 1989 auf dem Tiananmen-Platz. Dort bat er vor laufenden Kameras bei den Studenten um Entschuldigung. "Ich bin zu spät gekommen", resignierte Zhao. Wenig später bewirkten Hardliner in der Partei seine Absetzung wegen "spalterischer Umtriebe". Zhao wurde bis zu seinem Tod 2005 unter Hausarrest gestellt.

Während seiner Gefangenschaft diktierte er seine Erinnerungen heimlich in einen Kassettenrekorder. "Dafür benutzte er herkömmliche Kassetten, die im Haus herumlagen und mit Pekingoper und Musik für Kinder bespielt waren", erklärt Adi Ignatius, einer der Herausgeber der Memoiren. Die unmarkierten Kassetten verteilte Zhao an enge Freunde. Die schmuggelten das gefährliche Material Stück für Stück außer Landes.

China müsse sich zu einer repräsentativen Demokratie reformieren, diktierte er auf eines der Tonbänder. "Sonst können wir die abnormalen Bedingungen der chinesischen Marktwirtschaft nicht in den Griff kriegen." Trotz des Verbotes, das dem Buch sicher ist, dürfte die heutige Führungsschicht Interesse an den Erinnerungen haben, urteilt Zhaos früherer Berater Bao Tong. "Es wird sie zum Nachdenken bringen", so Bao. "Vor allem darüber, wie die Partei überleben kann."

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