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Fünf Millionen Chinesen obdachlos
Bernhard Bartsch
16.05.2008. Nach dem verheerenden Erdbeben in
China sind rund fünf Millionen Menschen obdachlos. Wie der Vize-Gouverneur der
Unglücksprovinz Sichuan, Li Chengyun, am Freitag mitteilte, leben derzeit 4 807 200
Menschen in Notunterkünften. Zehntausende sind in Zeltlagern oder Sportstadien
untergebracht; die meisten haben sich jedoch selbst aus Holz, Plastikplanen und
Trümmerteilen Baracken gebaut.

Mehr als 21 500 Tote haben die Rettungskräfte inzwischen gezählt, sagte Li.
Mindestens 14 000 Menschen seien noch verschüttet und 159 000 verletzt. Das nationale
Rettungszentrum schätzt die Zahl der Todesopfer sogar auf über 50 000. Angesichts der
hohen Opferzahlen sprach Premierminister Wen Jiabao von dem zerstörerischsten
Erdbeben seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949.
Die Äußerung des Regierungschefs, der seit Montag persönlich den Rettungseinsatz im
Krisengebiet leitet, zeigt nicht nur den Ernst der Lage, sondern auch, wie die Regierung
die Katastrophe instrumentalisiert: Denn Wenns Superlativ verschweigt ein dunkles
Kapitel in der Geschichte der Kommunistischen Partei: 1976, kurz vor Ende der Mao-Zeit,
kamen bei einem Erdbeben in Tangshan mindestens 242 000 Menschen ums Leben.
Das Krisenmanagement der Regierung war damals so katastrophal, dass das Ausmaß der
Zerstörung nach Kräften geheim gehalten wurde. Obwohl die Staatsmedien diesmal eine für
chinesische Verhältnisse ungewöhnlich offene
Berichterstattung zuließen und das Fernsehen vom ersten Tag an laufend Live-Berichte aus
dem Beben-Gebiet sendete, ist bei den Propagandabehörden inzwischen ein Streit um die
Darstellung der Katastrophe ausgebrochen. Während der Provinz-Fernsehsender Sichuan-TV
Berichte über das Ausmaß der Tragödie in den Vordergrund stellt, dominieren im Programm
des nationalen Senders CCTV zunehmend die Erfolge der Rettungskräfte und der Regierung.
Dem Vernehmen nach hat die Pekinger Zentrale Sichuan-TV aufgefordert, positivere
Beiträge zu senden. Die Kommunistische Partei will die Krise nutzen, um beim eigenen Volk
zu punkten. So wurde den Medien inzwischen auch untersagt, in Berichten zu unterstellen,
Schulen hätten den Erdstößen nicht standgehalten, weil Korruption zur Missachtung der
Bauvorschriften geführt habe. Zugleich ordnete die Regierung die Untersuchung der
Bauqualität von Schulen an, nachdem Vorwürfe wegen des Einsturzes vieler Schulgebäude
laut geworden waren. Falls die Gebäude Qualitätsprobleme hatten, sollen die
Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Derweil haben sich erstmals auch ausländische Helfer an der Rettungsoperation beteiligt.
Am Freitag begannen 31 Japaner mit Spürhunden, in der Ortschaft Guanzhuang nach
Verschütteten zu suchen. Auch Teams aus Russland, Südkorea und Singapur reisten nach
Sichuan, darunter Ärzte und Psychologen. Dass nun Ausländer Seite an Seite mit dem
chinesischen Militär arbeiten, das inzwischen über 100 000 Soldaten in die Region
geschickt hat, kostete Peking sichtlich Überwindung. Anfang der Woche hatte die Regierung
sich noch geweigert, personelle Unterstützungsangebote aus dem Ausland anzunehmen, am
Mittwoch aber doch um Hilfe gebeten. Die UN, EU, Bundesregierung und andere Staaten haben
ihre Hilfe am Freitag aufgestockt.

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