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Schlangestehen für Milch und Bohnen
17.02.2008 In Venezuela wird die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln immer schwieriger. Dieser Tage plünderte eine aufgebrachte Menschenmenge einen Supermarkt. Ausgerechnet in Sabaneta, dem Geburtsort von Präsident Hugo Chavez. Wie viele Tonnen Lebensmittel bei der Plünderung am Mittwoch verschwanden, gaben die Behörden nicht bekannt. Um weitere Übergriffe zu verhindern, wurden 200 Militärs und Polizisten in die Kleinstadt beordert. Während Bürgermeister Anbal Chavez, ein Bruder des Staatschefs, "die Vereinigten Staaten und ihre Lakaien" verantwortlich machte, gab sein Vorgänger Noel Zamudia eine ganz andere Erklärung: Die Leute seien empört gewesen, weil ständig Staatsbeamte und kubanische Experten bei der Zuteilung der Lebensmittel bevorzugt wurden. Es war nicht die erste Plünderung, und es wird auch nicht die letzte gewesen sein. Denn die Versorgungslage spitzt sich zu - und das in Venezuela, dessen Wirtschaft durch den Höhenflug der Ölpreise um zehn Prozent im Jahr wächst. Alle Grundlebensmittel sind mehr oder weniger knapp: Maisöl, Reis und Nudeln, Milch, Haferflocken und Tomatenkonzentrat, Kaffee, Thunfisch und Margarine. Taucht eine Lieferung auf, etwa von Milch, dem knappsten Gut, bilden sich sofort Schlangen vor den Läden. Während die Regierung die Knappheit zu Beginn noch als erfreuliches Zeichen eines Konsum-Booms wertete, scheint sie jetzt zu erkennen, wie prekär die Lage wird. Sie bemüht sich verzweifelt, der Krise Herr zu werden. Dabei beschuldigt Chavez nach wie vor seine Gegner, Venezuelas "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" sabotieren zu wollen: durch Schmuggel, Spekulation und Produktionsverweigerung. Das ist nicht immer so spaßig wie etwa Anfang Dezember, als die Regierung der Opposition unterstellte, Toilettenpapier krisenhaft zu verknappen, um den Ausgang eines Verfassungsreferendums zu beeinflussen. Vor einigen Tagen warf Chavez den europäischen Konzernen Nestlé und Parmalat Sabotage vor und drohte ihnen mit Enteignung. Kleineren Unternehmen werden die Lager unter dem Vorwurf, sie seien Spekulanten, beschlagnahmt. Regierungskritiker machen das 2003 eingeführte System staatlich festgelegter Preise für das Chaos verantwortlich. "Bei Produkten wie Haferflocken, Thunfisch, Mayonnaise, Margarine und Tomatenmark sind die Preise seit 46 Monaten nicht angeglichen worden", klagte Pablo Baraybar, Chef des Verbandes der Nahrungsmittelindustrie. Und allein 2007 lag die Geldentwertung bei 22,5 Prozent, die höchste ganz Südamerikas. Zu Jahresbeginn wurden dem Bolivar drei Nullen gestrichen, er heißt nun Bolivar Fuerte, starker Bolivar. Doch dass die Inflation dadurch gebremst wird, halten Experten für unrealistisch. Hinzu kommen der schlechtere Wechselkurs und drastisch gestiegene Weltmarktpreise. Allein Weizen ist in den vergangenen acht Monaten 300 Prozent teurer geworden. Ab und zu beugt sich Chavez den Zwängen und verkündet Preisanpassungen, zuletzt für Reis, Milch, Käse, Zucker und schwarze Bohnen zwischen 30 und 156 Prozent. Doch die Inflation steigt weiter und Horten wird dadurch erst lukrativ - was die Regierung als antisozial und destabilisierend brandmarkt. Gerade hat Caracas ein Tauschgeschäft abgeschlossen. Gegen Öl liefert Argentinien Mehl, Rindfleisch, Hühnchen, Sojaöl und Milchpulver, über 200 000 Tonnen jährlich. Der venezolanische Staat subventioniert die Ware dann auf die festgelegten Preise herunter und verkauft sie über die staatliche Ladenkette Mercal. Auch die Benzinpreise traut sich der Staat seit neun Jahren nicht zu erhöhen, weil die Venezolaner Sprit fast zum Null-Tarif als eine Art Bürgerrecht ansehen: Der Liter kostet zwei Dollar-Cent, ein Dreißigstel dessen, was man im Nachbarland Kolumbien zahlt, das auch Öl fördert. Die Folge ist reger Schmuggel über die 2000 Kilometer lange Grenze. Die Kontrollen wurden verstärkt, Soldaten patrouillieren auf Feld- und Waldwegen. Und wer im Grenzgebiet einkauft, muss die venezolanische Kennkarte vorlegen. |
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