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Der Präsident in seinem Labyrinth
23.12.2008 Womöglich muss die Geschichte neu geschrieben werden. Bislang stand felsenfest: Simón Bolívar, genannt El Libertador, der Befreier Südamerikas, ist - erschöpft von jahrelangen Ritten auf dem Rücken seines blütenweißen Pferdes quer durch die Gebirge, Sümpfe und Tiefebenen des Kontinents, schmählich verraten von seinen früheren Mitstreitern, am 17. Dezember 1830 elendiglich an Tuberkulose gestorben. Seine letzten Tage verbrachte Bolívar auf einem Gehöft bei Santa Marta an der Nordküste Kolumbiens. In einem Tagebuch hielt der französische Arzt Prospéro Réverend, der den General pflegte, minutiös den Verlauf der Krankheit Bolívars fest. Die letzte Eintragung lautet: "Um 12 Uhr begann er zu röcheln, um ein Uhr hauchte er sein Leben aus." Nun aber soll sich alles ganz anders zugetragen haben. Eine Verschwörungstheorie geistert durch Venezuela. Dessen Präsident, Hugo Chavez, hatte schon vor einem Jahr gemunkelt, möglicherweise sei sein großes Vorbild Bolívar, dessen Werk er zu vollenden verspricht, einem Attentat zum Opfer gefallen. Untermauert wurde nun der präsidiale Verdacht in einem Buch mit dem anmaßenden Titel "Ein Brief, der die Geschichte verändern wird". Der Autor des Bandes, der Historiker Jorge Mier, bezeichnet sich auf seiner Homepage als "Bolivarionologe" und Begründer der "Bolivarionologie". Darunter versteht er die "Wissenschaft, die sich auf das Studium und das Werk der wichtigsten Persönlichkeit der amerikanischen Heldengeschichte spezialisiert hat". Seine abenteuerliche These stützt Jorge Mier auf einen Brief, den der angeblich ermordete Befreier seiner Jugendfreundin in Paris geschrieben habe. Darin habe der General in der verschlüsselten Schrift von Freimaurern auch Hinweise auf die Attentäter gegeben: Erwähnt seien der damalige US-Präsident Andrew Jackson, der spanische König Ferdinand II. (dem Bolívar die Kolonien entrissen hatte) und der englische Hof. Mier behauptet, ein Verwandter von ihm und direkter Nachfahre von Joaquín Mier, dem Besitzer des Gehöfts, in dem nach bisheriger Geschichtsschreibung Bolívar gestorben ist, habe ihm zweitausend Dokumente übergeben, darunter auch den Schlüssel zur Entzifferung der Geheimschrift. Überdies überraschte der Bolivarionologe mit der These, im Pantheon von Caracas liege nicht die Leiche des Befreiers, sondern die eines hundsgewöhnlichen Menschen. Den angeblichen Schlüssel zum Schloss des Sarges trägt Chavez in der Öffentlichkeit mitunter an einer schweren goldenen Halskette. Die Botschaft ist klar: Der Präsident hat einen direkten Draht zum Befreier. Hat er nun bislang mit einem falschen Bolívar Zwiesprache gehalten? Zumindest die These vom gewaltsamen Tod des Generals aber scheint Chavez zu gefallen. Zwar spricht er von Spekulationen und davon, dass noch nichts bewiesen sei, aber Miers Buch hat er in "Aló Presidente", seiner sonntäglichen Fernsehpredigt, dem Publikum schon wiederholt vorgestellt. In seinem Autopsiebericht von 1830 schreibt Révérend, in Bolívars Lunge habe sich Blut gefunden, "gesprenkelt von einigen Tuberkeln und eine haselnussgroße Verkalkung". Dieses verkalkte Knötchen wird noch heute in einem Museum von Caracas gezeigt. Bolívars Eltern sind beide an Tuberkulose gestorben, mit der sie möglicherweise den kleinen Simón angesteckt haben. Tuberkulose bricht oft erst Jahrzehnte nach der Ansteckung aus. Dass der große Bolívar so gewöhnlich gestorben ist, wollten seine Anhänger schon früher nicht wahrhaben. Wohl nur deshalb gibt es eine stattliche Reihe seriöser Forschungen über die Reise des schwer kranken Bolívar von Bogota an die Karibikküste und auch über die Todesumstände des Generals. Nichts deutet bislang darauf hin, dass Bolívar ermordet wurde. Einer, der die historischen Quellen zu Bolívars Ableben akribisch studiert hat, ist Gabriel García Marquez. In seinem Roman "Der General in seinem Labyrinth" hat der kolumbianische Literaturnobelpreisträger die letzte Reise Bolívars plastisch geschildert. "Ich bin alt, krank, müde, enttäuscht, vergrämt, verleumdet und schlecht bezahlt", lässt er den Befreier jammern. Die Beschreibung traf den Seelenzustand des todkranken Generals wohl ziemlich genau. Militärisch war Bolívar überaus erfolgreich, politisch ist er gescheitert. "Ich habe auf dem Meer gepflügt und im Sand gesät", schrieb er in einem seiner letzten von rund zehntausend Briefen. Eine Reihe venezolanischer Historiker hat sich bereits über Miers Buch mokiert. Noch mehr halten es nicht mal der Erwähnung wert. Doch der Präsident wirbt weiter für das obskure Opus. Die Mordthese scheint ihm zupass zu kommen: Droht nicht auch ihm, der in die Fußstapfen des Befreiers getreten ist, der gewaltsame Tod? Schon wiederholt hat Chavez öffentlich von Attentatsplänen der US-Regierung gegen ihn gesprochen. Zur Untersuchung der wahren Umstände von Bolívars Tod hat der Präsident nun eine Forschungskommission eingerichtet, der verschiedene Minister und der Staatsanwalt angehören. Jorge Mier hat er zum Berater der Kommission ernannt. |
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