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Selten nur ist ein Jahr in der Geschichte des mittelamerikanischen Landes ohne Krieg, Bürgerkrieg, Unruhen oder Putsch verlaufen. Dazu haben nicht zuletzt auch die USA ihren Teil beigetragen, die Nicaragua zu ihrem Einflußgebiet erklärten. Als der liberale Präsident Jose Santos Zelaya das Land 1894 wirtschaftlich und außenpolitisch unabhängig machen wollte, griffen die Amerikaner ein, schickten die Marines und stürzten die Regierung. 1912 besetzten sie das Land endgültig und blieben bis 1933 - seit Ende der 20er Jahre bekämpft von einer Guerilla unter Führung von Augusto Sandino. Anastasio Somoza Garcia, Chef der Guardia Nacional, ließ Sandino 1934 ermorden und griff selbst nach der Macht - sie blieb bis 1979 in den Händen der Familie. Systematisch beutete der Clan das Land aus, brutal wurde jegliche Opposition unterdrückt. Unterstützung leisteten die berüchtigte Nationalgrade und die Vereinigten Staaten. In den 60er Jahren formierte sich die revolutionäre "Frente Sandinista de Liberacion Nacional". Die Guerilleros kämpften, zunächst ohne großen Erfolg, gegen die Nationalgarde. Doch als der Oppositionsführer Chamorro 1978 ermordet wurde - vermutlich auf Veranlassung von Somoza junior - kam es zu blutigen Aufständen, der Somoza-Clan mußte abtreten. Die Revolution der Sandinisten hatte gesiegt. Die neuen Machthaber unter Daniel Ortega verstaatlichten als erstes den Besitz und die Ländereien des Somoza-Clans, führten einen kostenlosen Gesundheitsdienst ein und starteten eine Kampagne zur Alphabetisierung der Bevölkerung. Obwohl die neue Verfassung demokratische Grundrechte und politischen Pluralismus vorsah, unterdrückten die Sandinisten nun ihrerseits jegliche Opposition. Die Nationalgardisten Somozas wollten sich nicht so schnell geschlagen geben. Gemeinsam mit anderen Oppositionellen gründeten sie die "Contras" - von den USA mit Waffen und Geld versorgt. Der Kampf ging weiter. Die Wende kam mit den Wahlen 1990, aus denen ein Opossitionsbündniss als Sieger hervorging. Neue Präsidentin wurde Violeta Chamorro, Witwe des 12 Jahre zuvor ermordeten Oppositionsführers. Die Bürgerkriegsparteien einigten sich erst auf einen Waffenstillstand, dann auf Frieden. Im Oktober 1996 trat Daniel Ortega noch einmal als Kandidat für das Präsidentenamt an. Keck verkündete der einstige Guerillero in einem Wahlspot: "Ich bin ein Freund der USA." Es nützte nichts: Gewinner der Wahl wurde Jose Arnoldo Aleman, der Bürgermeister von Managua.

Nicht weniger als 3 000 ausländische Beobachter waren zu den Wahlen am 04.11.2001 in Nicaragua angereist. Die gewaltige Zahl und der Name des Kandidaten Daniel Ortega erinnerten noch ein wenig daran, dass diesem kleinen, armen Land einstmals eine symbolische Bedeutung angeheftet worden war, die weit über dessen tatsächliches weltpolitisches Gewicht hinausreichte. In den 80er-Jahren stand der Name Nicaragua bei der Regierung der USA als Inbegriff einer hysterischen Furcht vor der weiteren Ausbreitung des Kommunismus in ihrem Hinterhof Mittelamerika. Auf der anderen Seite erschien Ortega den Revolutionsromantikern in aller Welt als zweiter Fidel Castro. Den Linken war das Trinken des richtigen Kaffees eine Demonstration antiimperialistischer Solidarität, während in Washington die Unterstützung von Banditen der übelsten Sorte als Rettung der Demokratie ausgegeben wurde.

Im Innern des Landes wirken Reflexe aus dieser polarisierten Zeit offensichtlich noch immer fort. Ortega ist auch bei seinem dritten Anlauf gescheitert, mit Hilfe von Wahlen an die Macht zu gelangen, weil seine Gegner geschickt mit alten Ängsten spielten, die inzwischen schon wieder neue sind. Nach den Ereignissen vom 11. September genügte es, den Kandidaten der Linken als Anhänger des revolutionären Terrors darzustellen, um ihn zu besiegen. Da Ortega und die Sandinisten die schwarz-roten Flaggen längst eingemottet haben, können sie jetzt nach ihrer Niederlage nicht einmal mit solidarischem Mitgefühl rechnen. Auf der Ebene der internationalen Auseinandersetzungen ist Nicaragua längst kein symbolischer Ort mehr.

Angesichts anhaltender Proteste in Nicaragua gegen die Erhöhung der Benzin- und Busfahrpreise hat Staatschef Enrique Bolanos am 27.04.2005 Polizei und Armee in Alarmzustand versetzt. Der konservative Präsident warf der linken Oppositionspartei Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) vor, hinter den gewalttätigen Demonstrationen zu stecken, bei denen zuvor Steine geworfen wurden und sein Sohn verletzt wurde. Die Regierung erklärte sich zu Verhandlungen bereit.

Nicaraguas neue Linksregierung hat 18.01.2007 die Gebühren an staatlichen Schulen abgeschafft und zusätzliche Mittel für den Bau von Schulen bereitgestellt. Außerdem würden die Versorgung in öffentlichen Krankenhäusern und die Medikamente wieder kostenlos zur Verfügung gestellt, erklärte die Regierung. Damit setzt der neue Präsident Daniel Ortega einige seiner Wahlversprechen um.


Hintergrundberichte:

08.06.2008 Alle Macht dem Telefon - Nicaraguas Präsident Ortega regiert von Auslandsreisen aus

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