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Dollarsegen aus Miami - aber nicht für alle
14.04.2009. Zu den beliebtesten Lebensweisheiten der Kubaner gehört neben dem altbekannten "No es facil, compay" - es ist nicht leicht, Kumpel - auch der Stoßseufzer: "Hay que tener FE." Dieser Satz wäre wörtlich zu übersetzen mit: "Man muss den nötigen Glauben aufbringen." Gemeint aber ist etwas weit Irdischeres. "FE" steht nämlich zugleich als Abkürzung für "Familia en el Exterior", Familienangehörige im Ausland. Und die vermögen das Leben noch viel mehr zu erleichtern als die beste Religion. Rechnet man die Nachkommen in zweiter und dritter Generation hinzu, liegt die Zahl der Kubaner, die im Ausland leben, irgendwo zwischen anderthalb und zwei Millionen. Die meisten haben sich keine zweihundert Kilometer weiter nördlich, im US-Bundesstaat Florida, niedergelassen. Einige zehntausend gingen schon vor, die meisten nach der Revolution von 1959. Viele von ihnen lassen ihren auf der Insel zurückgebliebenen Verwandten bei Besuchen oder per Überweisung regelmäßig Geld zukommen. Die vorige US-Regierung versuchte, diese Geldströme zum Versiegen zu bringen, um die kommunistische Regierung in Havanna finanziell auszutrocknen. Der neue Präsident Barack Obama aber hob am Montag diese Beschränkungen wieder auf. Zwar beließ Obama alle anderen Bestimmungen der fast 50 Jahre alten Wirtschaftsblockade in Kraft, was ihm umgehend die Kritik von Fidel Castro eintrug: Kuba brauche keine "Almosen", erklärte der pensionierte Revolutionsführer. Doch selbst er würdigte im gleichen Atemzug Obamas "Ehrlichkeit" und seine Bemühungen, neue Wege in der Politik einzuschlagen. Die Geste ist offenbar verstanden worden. Den Kubanern mit "FE", mit Verwandten in den USA also, verheißt Obamas Kurswechsel bessere Zeiten. Verbote hin oder her - auch in den vergangenen Jahren haben ihre Verwandten in den USA Wege gefunden, die Embargoregeln zu umgehen. Statt per Direktflug Miami-Havanna reisten sie über die Bahamas oder Mexiko auf die Insel, Geldüberweisungen nahmen denselben Weg. Doch die Angst vor Strafen hielt manche von ihnen eben doch zurück, zudem waren Mehrkosten zu bestreiten. Nun sind solche Umwege nicht mehr nötig, und die Mehrheit der Emigrantengemeinde in Miami ist zufrieden. Zufrieden dürfte auch die Regierung in Havanna sein, für die die Überweisungen neben dem Nickelexport und dem Tourismus die wichtigste Devisenquelle überhaupt sind. Schätzungen zufolge fließen pro Jahr eine Milliarde Dollar auf diesem Weg nach Kuba und damit früher oder später in die ausnahmslos vom Staat betriebenen Devisenläden. Das Land finanziert so rund ein Zehntel seiner Importe. Dank Obamas Lockerungsübungen könnten es demnächst noch einige Millionen Dollar mehr sein. Kubas Wirtschaft hätte eine solche Finanzspritze dringend nötig: Die drei Wirbelstürme, die die Insel im vergangenen Herbst heimsuchten, haben immense Schäden hinterlassen und viel vom Wirtschaftsaufschwung der letzten zehn Jahre zunichte gemacht. Und doch birgt Obamas neuer Kurs auch Risiken für die Führung um die Gebrüder Castro. Politisch droht ihnen vorerst wenig Gefahr: Die wenigen Dissidenten sind außer mit der Staatssicherheit vorwiegend mit sich selbst beschäftigt, und der Reformflügel innerhalb des Establishments ist nach der Entlassung des De-facto-Ministerpräsidenten Carlos Lage Anfang März ebenfalls in der Defensive. Viel gefährlicher sind hingegen die wachsenden sozialen Ungleichheiten in einem politischen System, das sich stets gerühmt hatte, die Gleichheit der Bürger verwirklicht zu haben. Nur eine Minderheit der Kubaner - vielleicht jeder Vierte, vielleicht jeder Dritte - hat dank "FE" oder dank einer privilegierten Arbeit regelmäßigen Zugang zu wenigstens einer kleinen Menge an harter Währung. Alle anderen müssen auf den staatlichen Wechselstellen Geld tauschen, wenn sie Dinge erwerben wollen, die über den unmittelbaren Grundbedarf hinausgehen: seien es Kosmetikartikel oder bessere Kleidung, von "Luxusartikeln" wie Mobiltelefonen ganz zu schweigen. Bei Monatsgehältern um die 500 Peso und einem Wechselkurs von 1:25 zum "CUC", der etwa einem Dollar entspricht, ein mehr als teures Unterfangen. Wer da von den Verwandten aus Miami auch nur 50 oder 100 Dollar im Monat erhält, ist ein reicher Mann - ob er nebenbei nun noch in einem staatlichen Betrieb arbeiten geht oder nicht. Wenn Che Guevara das erführe, der die Kubaner einst zu freiwilligen Arbeitseinsätzen zu überreden versuchte: er würde sich wohl im Grabe umdrehen. |
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