![]() Themen |
Der Übervater geht 19.02.2008. Fidel Castro hat es ein letztes Mal spannend gemacht. Fünf Tage vor der Konstituierung der neuen kubanischen Nationalversammlung, aus deren Kreis der künftige Machthaber auf Kuba bestimmt wird, hat der dienstälteste Staatschef endgültig die Rente eingereicht. "Weder strebe ich, noch nehme ich die Bürde des Präsidenten des Staatsrates und des Oberkommandierenden an", zitierte die Onlineausgabe der kommunistischen Parteizeitung Granma am Dienstag den 81-Jährigen. Damit ist die Ära Fidel Castro nach fast fünf Jahrzehnten auch offiziell vorbei. Der Revolutionär, Kommunist und autokratische Staatschef, der neun US-Präsidenten, den jahrzehntelangen US-Wirtschaftsboykott, eine Invasion und den Zusammenbruch des wichtigsten Wirtschaftspartners Sowjetunion überstanden hat, muss letztlich seinem Körper Tribut zollen. Von der schweren Darmentzündung 2006 und den folgenden Operationen hat sich Castro nie wieder erholt. Aus dem einst mächtigen und machtvollen Mann im oliv-grünen Drillich ist in den vergangenen neunzehn Monaten ein bärtiger Greis im Adidas-Trainingsanzug geworden, der zum Stift greifen muss, wenn er sich mitteilen will. Nach zwei gescheiterten Umsturzversuchen hatte Castros Ära im Januar 1959 mit dem Sieg seiner Guerillatruppen über die Armee des Diktators Fulgencio Batista begonnen. Unter dessen Regime war auf Kuba die Politik mit dem organisierten Verbrechen aus den USA verschmolzen, die Insel erwarb den Ruf des größten Bordells und Spielcasinos der Karibik. Castro träumte davon, die unvollendete Revolution von Jose Marti, dem kubanischen Freiheitskämpfer des 19. Jahrhunderts, zu Ende zu führen. Volksheld und Autokrat Ein ehrlicher Revolutionär, Anwalt der Dritten Welt. Der einzige Präsident Lateinamerikas, der es mit der Ausrottung der Armut wirklich ernst meinte. Ein jähzorniger Autokrat, der sein Volk kujonierte. Angebeteter, Ziel des Hasses Hunderttausender, ein charismatischer Volks- und Frauenheld, ein begnadeter Redner. Fidel Castro war von allem etwas. Nach 1959 schert sich Castro zunächst nicht viel um kommunistische Lehrsätze. Erst Umstände wie die US-Wirtschaftsblockade und Druck aus seinem Umfeld, vor allem durch Bruder Raul, bringen ihn dazu, sich der UdSSR zuzuwenden. Aber bis zum Schluss propagierte Fidel seine eigene Form des Sozialismus. Eine Mischung aus Marx, Lenin, Marti und Castro. Fidelismus oder Tropensozialismus. Ein System, in dem der Staatschef und sein Charisma eine größere Rolle spielen als politische Doktrinen. Fidel Castro war zeitlebens von messianischem Eifer beseelt. In dem knappen halben Jahrhundert an der Macht hat er immer versucht, seine linken Ideale und Ziele zu exportieren. Erst mit Worten und Waffen, später vor allem mit Ärzten und Lehrern. Rund 15 Jahre lang schickt er Truppen ins afrikanische Angola und nach Äthiopien. Aber vor allem in Lateinamerika unterstützt er Freiheitsbewegungen, zunächst in Bolivien, später in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Der linken Allende-Regierung in Chile stärkt er den Rücken. 1979 erhielten 35 Staaten aus Kuba militärische oder zivile Hilfe. Doch für ein vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem müssen die Kubaner die Entbehrungen der Planwirtschaft und die Überwachung durch den Staat in Kauf nehmen. Andersdenkende landen schnell im Gefängnis. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagt auf Kuba rund 300 politische Gefangene. Zwei Millionen Menschen haben die Insel seit der Revolution in Richtung Miami, Madrid und Mexiko verlassen, weil sie freie Meinung, freie Berufsausübung und freien Zugang zum Internet den Parolen von "Sozialismus oder Tod" und zwölf Euro Staatslohn vorziehen. Die Öffnung für den Tourismus und der damit verbundene Zugang zu Devisen für manche hat auch Kuba zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft gemacht, in der Revolutionsideale wie Würde und Gleichheit Geschichte sind. Dennoch stehen bis heute viele der zwölf Millionen Kubaner fest zu ihrem Maximo Lider. Das hat mit Castros Charisma zu tun, mit den Errungenschaften der Revolution und dem Bewusstsein, dass Castro der kleinen Nation große Bedeutung verliehen hat: Auch durch 45 Jahre Blockade seitens der Vereinigten Staaten hat man sich nicht in die Knie zwingen lassen. Castro ist abgetreten, aber sein politisches Erbe eines US-kritischen, linken und nationalistischen Projekts tragen andere weiter. Nach dem Ende des Ostblocks war es zunächst sehr einsam um Kuba. Doch mit den Präsidenten Hugo Chavez in Venezuela, Evo Morales in Bolivien und anderen erlebt Lateinamerika derzeit einen Linksruck ganz im Sinne des Maximo Lider. |
a
|
(C) erdkunde-wissen.de. Konzept, Gestaltung und Redaktion: erdkunde-wissen.de. Nachdruck, Weiterverarbeitung, Weitergabe an Dritte sowie Veröffentlichung nur mit schriftlicher Genehmigung. Keine Haftung für falsche Angaben, keine Gewähr über die Richtigkeit der Informationen. Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Mailen Sie uns einfach.