![]() Themen |
Die ersten Schritte in Freiheit Klaus Ehringfeld03.07.2008. Es ist wenige Minuten nach 17 Uhr, als ein weißer Jet der kolumbianischen Streitkräfte auf der Luftwaffenbasis von Catam in der Hauptstadt Bogota landet. Als die Motoren still stehen, öffnet sich langsam die Tür, die Treppe wird hinuntergelassen, und in diesem Moment läuft über die Fernsehschirme der Welt die Bestätigung für eine Meldung, die sich nur Stunden zuvor wie ein Lauffeuer den Weg um den Globus gebahnt hatte: Ingrid Betancourt, Ex-Präsidentschaftskandidatin mit französischem und kolumbianischem Pass, das prominenteste Opfer des kolumbianischen Bürgerkriegs, ist frei.
Sechs Jahre und fast fünf Monate nach ihrer Gefangennahme und Verschleppung durch die Linksrebellen der Farc-Guerilla am 23. Februar 2002 macht die 46-Jährige erste zaghafte Schritte in die Freiheit. In einer Tarnweste des Militärs, einem ebensolchen Tropenhut und den für die Farc und ihre Geiseln so typischen schwarzen Gummistiefeln steigt sie aus dem Flugzeug und schließt ihre Mutter in die Arme, die als Erste an der Treppe wartet. Befreiung wie im Action-Thriller Yolanda Pulecio hat wie kein anderer in all den Jahren für die Freilassung ihrer Tochter gekämpft. "Mein Leben habe ich nur noch der Befreiung Ingrids gewidmet", sagte sie vor einem Jahr im Gespräch mit dieser Zeitung. Die beiden Frauen scheinen sich nicht mehr loslassen zu wollen. Ingrid hat einen Rucksack geschultert, in dem sie ein Lexikon, ein paar Briefe an ihre Mutter und persönliche Habseligkeiten aufbewahrt. Sie lächelt - zunächst schüchtern, als könne sie selbst nicht glauben, was sie gerade erlebt. In diesem Bild steckt nicht nur das Ende einer persönlichen Tragödie, sondern auch die Hoffnung auf ein glückliches Ende des Konflikts zwischen der Armee, Linksrebellen und ultrarechten Todesschwadronen, der den Andenstaat seit fast 45 Jahren im Griff hält und dem Ingrid Betancourt als bekannteste Geisel ein Gesicht gegeben hat. Mit Betancourt gerettet wurden drei US-Bürger sowie elf kolumbianische Soldaten und Militärs, von denen einige seit zehn Jahren in den Dschungelgefängnissen festgehalten wurden. Hunderte andere Menschen aber befinden sich weiter in der Geiselhaft von Rebellen und Paramilitärs. Das Szenario der Befreiung von Betancourt und den anderen 14 Geiseln erinnert an einen Action-Thriller. Allem Anschein nach ist es einem Undercover-Agenten der Regierung gelungen, sich in die Farc einzuschleichen. Der Rebelleneinheit, die Betancourt und die anderen Geiseln gefangen hält, gaukelt er vor, es gebe den Befehl der Farc-Führung, die 15 Geiseln zu verlegen. Doch in den beiden eigens angemieteten zivilen Hubschraubern sitzen als Besatzung Spezialeinheiten der Armee, wie Betancourt erzählt. Sie seien wie Rebellen gekleidet gewesen und hätte wie sie gesprochen. Erst als der Helikopter in der Luft ist, sagt einer: "Wir sind von der kolumbianischen Armee. Sie sind frei!" "Wir haben geschrien, geweint und uns umarmt und beinahe den Hubschrauber zum Absturz gebracht", schildert Betancourt später in einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Rollfeld den Ablauf ihrer Befreiung. Kein Schuss sei gefallen. Verglichen mit den letzten Bildern, einem Video vom November 2007, auf dem Betancourt wie erloschen aussieht, von Krankheit und Depression gezeichnet, ist sie jetzt voller Leben und gut bei Kräften: das Gesicht rund, die Haare zu einem Zopf geflochten und um die Stirn gebunden. Sie bekreuzigt sich, winkt, lächelt, und ohne Unterlass reicht ihr jemand ein Mobiltelefon, während die elf Soldaten und Polizisten zunächst jeder ein paar knappe Worte in die Mikrofone sagen müssen. Man könnte fast meinen, es ist eine zu perfekte Inszenierung. Ingrid Betancourt ist die letzte, die spricht. Sie redet zwölf Minuten und beantwortet danach noch fast eine halbe Stunde die Fragen von Journalisten: zum Zustand der Farc, zu Präsident Alvaro Uribe, zu ihrem Martyrium. Sie spricht eloquent, emotional und ehrlich und scheint schon wieder ganz die engagierte Politikerin, als die sie ihre Landsleute einst kannten. "Ich danke Gott und allen, die an mich gedacht und für meine Freilassung gekämpft und nicht nur abgewartet haben", sagt sie. Und sie würdigt das kolumbianische Militär für eine "perfekte Operation". Immer wieder wechselt sie ins Französische und erzählt, was sie wieder neu lernen muss: "Ich fühle mich, als käme ich aus der Steinzeit. Ich kenne kein künstliches Licht mehr, kein warmes Wasser, und eben im Flugzeug, als ich zur Toilette wollte, musste ich überlegen, wie man eine Tür öffnet. Ich bin zurück in der Zivilisation." Und dann sagt sie den bemerkenswerten Satz: "Präsident Uribe danke ich, dass er sich darauf konzentriert hat, uns zu retten." Der rechte Staatschef, dem die Familie Betancourt so oft in Ingrids Fall Untätigkeit vorgeworfen hat, war immer ihr politischer Gegenspieler. Als Betancourt 2001/2002 mit ihrer Partei "Oxígeno Verde" - Grüner Sauerstoff - in den Wahlkampf zog, hielt sie dem Kandidaten Uribe Verbindungen zu ultrarechten Paramilitärs vor. Betancourt hat eine untypische Karriere gemacht für eine Frau aus der Oberschicht von Bogota. Die Tochter einer Schönheitskönigin und eines Politikers, der Bildungsminister war und dann Botschafter bei der Unesco in Paris, wuchs in Frankreich auf, studierte dort, mit ihrem Mann, einem französischen Diplomaten, hat sie zwei Kinder. Sie wird Abgeordnete und Senatorin, bevor sie sich als Kandidatin ihrer kleinen Partei in den Wahlkampf um das Präsidentenamt stürzt. Ihre Kampagnen und die Konfrontation mit den Eliten bringen ihr zahlreiche Todesdrohungen ein, wie sie in ihrem Buch "Die Wut in meinem Herzen" schreibt. Deshalb schickt sie ihre beiden Kinder Melanie und Lorenzo früh zum Vater ins Ausland. Betancourt ist bei ihrer Kandidatur nicht mehr als eine belächelte Außenseiterin, die keine Berührungsängste hat, was ihr letztlich zum Verhängnis wird. Auf einer Wahlkampfreise in die damalige Farc-Hochburg San Vicente del Caguan wird sie zum perfekten Faustpfand für die Links-Rebellen. Als sie am Mittwoch ein Journalist fragt, ob sie heute nochmal so wie vor sechs Jahren handeln und sich ins Rebellengebiet begeben würde, zögert sie nur einen kurzen Augenblick und sagt dann: "Ich würde es genauso wieder machen." |
a
|