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Die Grippe und der Fluch der Armut 
Auffällig viele H1N1-Fälle unter Kanadas Indianern

Gerd Braune

14.06.2009. "Wir sind in einer Kriegszone", sagt David Harper, Häuptling der Indianergemeinde Garden Hill im Norden der Provinz Manitoba. "Wir müssen unsere Gemeinde schützen, vor allem die Kinder und die älteren Leute." Der Feind, der Harper und seine Gemeinde bedroht, ist schwer zu entdecken, und Waffen gegen ihn haben die Indianer nur wenige.

Mit rund 3 500 Erkrankungen ist Kanada nach den USA und Mexiko das Land mit den meisten Fällen von Schweinegrippe weltweit. Am Wochenende wurde der fünfte Todesfall gemeldet. Besonders stark betroffen sind die Zentren der bevölkerungsreichen Provinzen Ontarios und Quebec. Überproportional häufig erkranken jedoch die Ureinwohner in den Reservaten.

In Manitoba wurden am Wochenende 119 Grippe-Fälle registriert, bei denen der Virustyp H1N1 nachgewiesen wurde. 31 Patienten müssen in Krankenhäusern behandelt werden, etwa zwei Drittel davon indianische Patienten. Medienberichten zufolge wurden aus Garden Hill und St. Theresa Point 65 Kranke mit Flugzeugen nach Winnipeg ausgeflogen, wo sie eine bessere Betreuung erhalten.

Die Zahl der Patienten, die unter Grippesymptomen leiden, ist allerdings weit größer. Allein in St. Theresa Point, das nur mit dem Flugzeug und im Winter über Eisstraßen erreicht werden kann, seien 200 der etwa 3 200 Bewohner erkrankt, meldet der kanadische Rundfunk CBC. Die Schule ist geschlossen, Menschenansammlungen werden vermieden, berichtet Häuptling David McDougall. Auch aus der Gemeinde Red Sucker hundert Kilometer nördlich werden Erkrankungen gemeldet. Im überwiegend von Inuit bewohnten Arktisterritorium Nunavut gibt es bereits 143 Erkrankungen, überwiegend leichte Fälle. In diesem Territorium leben 30 000 Menschen in 30 Gemeinden verstreut über zwei Millionen Quadratkilometer.

Angst vor zweiter Grippewelle

Indianerführer klagen über eine mangelhafte Ausstattung im Kampf gegen die Schweinegrippe. Hilfe in Form von Atemschutzmasken oder antiviralen Medikamenten sei nicht im notwendigen Umfang eingetroffen. Der nationale Plan zur Bekämpfung von Epidemien greife nicht. Die Gemeinde-Chefs befürchten, dass sich im Winter bei einer zweiten Grippewelle die Lage weiter verschlechtern könnte.

Die Behörden sehen das anders. Es herrsche kein Chaos, sagt Manitobas Gesundheitsministerin Theresa Oswald, die von einer "Situation der Kontrolle, Ruhe und Fürsorge" spricht. Auch die Bundesgesundheitsministerin Leona Aglukkaq ist der Ansicht, Kanada sei gut vorbereitet. "Wir haben einen nationalen Plan, dem wir folgen." Die Ministerin teilte mit, dass weiteres medizinisches Personal einschließlich eines Kinderarztes in die Gemeinde St. Theresa Point entsandt worden sei. Die Gemeinden erhielten die benötigte Hilfe und die Lage sei unter Kontrolle, sagte ihre Kollegin Oswald. Zusätzliches Material und Personal werde in den Norden geschickt.

Die Grippewelle wirft erneut ein Schlaglicht auf die Lebensbedingungen in zahlreichen indianischen Reservaten. Viele Menschen leiden dort unter akuter Wohnungsnot, was zu überfüllten Wohnungen führt. Auf engstem Raum leben oft ein Dutzend Menschen, sagt etwa Häuptling David Harper. Auch liegt der Zustand der sanitären Anlagen oft unter dem nationalen Standard. So verfügen in Red Sucker nach Aussagen seines Häuptling Larry Knott viele Häuser nicht über fließendes Wasser, so dass sich die Bewohner das Wasser aus einem See holen müssen. Es sei nicht möglich, Ratschläge der Behörden wie häufiges Händewaschen zu befolgen. Kanadas Nationaler Oberhäuptling Phil Fontaine bezeichnet die Armut vieler indianischer Gemeinden als "unnötig und ungerechtfertigt". Sie sei ein Fluch, der auf Kanada und den Ureinwohnergemeinden liege. Und der nun krank macht.

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