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Der Diktator an sich
Augusto Pinochet ist tot. Der Justiz ist der frühere chilenische Machthaber entgangen, doch das Urteil über ihn ist gesprochen

Hinnerk Berlekamp, Berliner Zeitung

11.12. 2005. Die Erinnerung an den Militärputsch in Chile ist mit Bildern verknüpft. Die brennende Moneda unter dem Beschuss der angreifenden Bombenflugzeuge, aufgenommen aus einem gegenüberliegenden Hochhaus. Der sozialistische Präsident Salvador Allende wenige Stunden vor seinem Tod, auf dem Kopf den Stahlhelm, in der Hand die von Fidel Castro geschenkte Maschinenpistole. Und dann das erste Foto des Siegers: Junta-Chef Augusto Pinochet im Lehnstuhl, flankiert von mehreren Prätorianern. Das Kinn trotzig vorgereckt, die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt, die Augen von einer dunklen Sonnenbrille verdeckt. Der Inbegriff des lateinamerikanischen Diktators.

pinochet1.jpg (81833 Byte) Genau genommen war es gar nicht sein Putsch, der am 11. September 1973 die jahrzehntealte demokratische Tradition Chiles abrupt unterbrach. Erst relativ spät hatte sich der General der Verschwörung angeschlossen, die Henry Kissinger, Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon und bekanntlich späterer Friedensnobelpreisträger, schon Ende 1970 beim Geheimdienst CIA in Auftrag gegeben hatte. Die Art und Weise aber, wie er sich dann an die Spitze der Bewegung setzte; die offen zur Schau gestellte Grausamkeit, mit der er binnen weniger Tage jeden Widerstand erstickte, und das Beharrungsvermögen, mit dem er sich 17 Jahre lang an der Macht behauptete, verwandelten ihn in ein Symbol, wie es die Diktaturen in den Nachbarländern nie hervorbrachten.

Die brasilianischen Generale genossen ihre Herrschaft noch länger als er die seine; die uruguayischen Kollegen übertrafen ihn spielend, was die Zahl politischer Gefangener betraf; die argentinischen Militärs luden zehnmal mehr Menschenleben auf ihr Gewissen als er. Neben der Figur des Augusto Pinochet aber verblassten sie alle. So sehr beherrschte er die Szenerie, dass der Kolumbianer Gabriel García Marquez nach der Fertigstellung seines (keineswegs auf Pinochet zugeschnittenen) Diktatorenromans "Der Herbst des Patriarchen" 1975 öffentlich verkündete, er werde kein anderes Buch mehr herausbringen, ehe der Tyrann in Santiago de Chile nicht gestürzt sei. García Marquez musste sich korrigieren. Es wäre zu viel des Triumphes gewesen, hätte Pinochet den Autoren für Jahre zum Schweigen gebracht.

Zum Mythos wurde Pinochet jedoch noch in einem anderen Sinne und nur bedingt durch eigenes Zutun. Seine Herrschaft bot den berühmt-berüchtigten "Chicago Boys" aus der Schule des Milton Friedman das Klima, das sie für eine ultraliberale Umstrukturierung der Volkswirtschaft benötigten. Ohne Rücksicht auf soziale Kosten nehmen zu müssen, setzten sie seit dem Ende der 70er-Jahre ein Modell der Marktöffnung und Privatisierung in die Praxis um, wie es die anderen Länder der Region erst ein Jahrzehnt später zu kopieren trachteten. Dass Chile zu diesem Zeitpunkt bereits wieder stabile Wachstumsraten vorweisen konnte, verhalf Pinochet zu der Gloriole eines Wirtschaftsreformers und zur anhaltenden Dankbarkeit einer zahlenmäßig beträchtlichen Mittel- und Oberschicht, deren heutiger Wohlstand in den Jahren der Diktatur seinen Anfang nahm.

Gestützt auf diese wohlsituierten Sektoren der Gesellschaft, verwand es Pinochet schnell, dass ihn die Chilenen 1988 bei einem von ihm selbst einberufenen Referendum zur Verlängerung seiner Herrschaft durchfallen ließen. Abgesichert durch die von ihm eigenhändig redigierte Verfassung, die ihm zunächst weiterhin den Oberbefehl über die Armee und später einen Posten als Senator auf Lebenszeit sicherte, konnte Pinochet im März 1990 beruhigt die Regierungsgeschäfte an einen gewählten zivilen Präsidenten abgeben. Das Schicksal ereilte ihn acht Jahre später. Benebelt vom Glauben an seine Unantastbarkeit, hatte der Ex-Diktator alle Warnungen in den Wind geschlagen und war in das von ihm wegen seiner konservativen Gesinnung so geschätzte England gereist. Dort setzte ihn die Polizei in einer Klinik fest: Der Rechtsstaat in der Person eines spanischen Untersuchungsrichters, der wegen der Menschenrechtsverletzungen unter der Diktatur einen Haftbefehl ausgestellt hatte, schlug zu.

Die folgenden 16 Monate gehörten zu den Sternstunden der modernen Justizgeschichte. Auf der einen Seite setzten die Freunde Pinochets von Maggie Thatcher über George Bush senior bis hin zu polnischen Solidarnosc-Abgeordneten alle politischen und rechtlichen Hebel in Bewegung, um dem General die Flucht in die Heimat zu ermöglichen. Auf der anderen Seite führte Richter Baltasar Garzón vor, dass die bestehenden Gesetze einfach nur konsequent angewandt werden müssten, um Staatsverbrecher weltweit zur Rechenschaft zu ziehen. Pinochet wurde noch einmal zum Symbol: dafür, dass ein Ende der Straflosigkeit möglich ist.

Zur Rettung wurde Pinochet schließlich ein ärztliches Attest, das ihm Altersdemenz bescheinigte. Es ist nicht bekannt geworden, was der General dachte, als seine Verteidigung zu diesem für ihren Klienten so demütigenden Mittel Zuflucht nahm. "Kein Blatt bewegt sich in Chile, ohne dass ich davon wüsste", hatte er kurz nach dem Putsch erklärt. Nun stritten sich die Mediziner, ob dieser Mann schon beträchtlich oder nur ein wenig schwachsinnig sei. Als sich die erste Meinung durchsetzte - im Zweifelsfall zu Gunsten des Angeklagten -, widersprach er nicht. So viel Vernunft war ihm allemal geblieben.

Buchstäblich durch die Hintertür verließ Pinochet sein zur Falle gewordenes Domizil in London, als geschlagener Mann kehrte er nach Chile zurück. Im Rollstuhl sitzend, ließ er sich per hydraulischer Hebebühne aus dem Flugzeug hieven. Noch einmal spielten die Militärkapellen für ihn auf, dann verschwand er in seiner festungsartig ausgebauten Villa. Seine Zeit war abgelaufen.

Zwar ließen ihn seine treuesten Gefolgsleute weiterhin periodisch hochleben, doch mehr blieb ihm nicht. Seinen Sitz im Senat musste er aufgeben. Die chilenische Justiz eröffnete ein Verfahren nach dem anderen gegen den einstigen Diktator, wegen der Entführung, Folterung und Ermordung von Regimegegnern, aber auch ganz banal - und in den Augen seiner verbliebenen Parteigänger noch viel schlimmer - wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe.

Auch sein Sohn kam wegen krummer Geschäfte mit der Justiz ins Gehege. Als vor wenigen Monaten auch seine Tochter von Untersuchungsrichtern vernommen werden sollte, flüchtete sie Hals über Kopf in die USA - nur um wenige Tage später genauso panikartig zurück in die Heimat zu flüchten. Wer den Namen Pinochet trug, war nirgends mehr willkommen.

Rechte Politiker, die noch etwas werden wollten, flogen seit mehreren Jahren lieber zu einem Fototermin mit Fidel Castro nach Havanna, als sich neben ihrem einstigen Idol ablichten zu lassen. Als Pinochet Ende November seinen 91. Geburtstag beging, erschienen noch ganze hundert Leute zur Gratulationscour. Ehefrau Lucía Hiriart verlas eine Erklärung, in der der Jubilar seine Waffengefährten von einst seines Dankes versicherte. Es habe Krieg geherrscht, und die Streitkräfte seien verpflichtet gewesen, gegen Gewalttäter vorzugehen, gab der sieche General noch einmal seine Weltsicht preis. Eine Entschuldigung bei den Opfern? Eine lauwarme Erklärung des Bedauern wenigstens? Nichts dergleichen.

"Gott ist Herr der Dinge. Er wird mir vergeben, sollte ich in einigen Fällen zu weit gegangen sein - was ich aber nicht glaube", hatte er bei einer Anhörung auf die Frage geantwortet, was er denn fühle angesichts von mehr als 3 000 Ermordeten unter seinem Regime. Dieser Mann war mit sich selbst im Reinen.

Gestern ist Augusto Pinochet in einem Militärkrankenhaus in Santiago de Chile an den Folgen mehrerer Herzinfarkte gestorben. Es war der Internationale Tag der Menschenrechte. Ein Tag des Gedenkens. Und ein Feiertag.

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