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Somalia - die größte humanitäre Krise in Afrika
Ein Jahr nach dem äthiopischen Einmarsch herrscht Chaos

Frank Räther

20.12.2007. Als im Dezember 2006 äthiopische Truppen im benachbarten Somalia einmarschierten, verkündete Premier Meles Zenawi, dass sie in wenigen Wochen wieder abgezogen sein würden. Genau ein Jahr später sind sie noch immer da und wurden sogar verstärkt. Dennoch sind 80 Prozent Somalias "unsichere Gebiete" und "außerhalb der Kontrolle der Übergangsregierung", schätzt Sheikh Qasim Ibrahim Nur vom somalischen Sicherheitsministerium ein. Selbst die Hauptstadt Mogadischu, in der ein Großteil der Äthiopier stationiert ist, gilt als permanentes Kampfgebiet.

Islamistische und Clan-Milizen liefern sich mit den Äthiopiern und der recht unwirksamen Streitmacht der Übergangsregierung Artilleriegefechte. Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt niemand. Die Äthiopier beschossen sogar mehrfach den stark besuchten Bakara-Markt, weil die dortigen Geschäftsleute angeblich die Islamisten unterstützen. Jeden Tag gibt es in Mogadischu Tote, Verwundete können angesichts fehlender Ärzte, Medikamente und Blutkonserven kaum behandelt werden. Nach UN-Angaben ist mit fast einer Million Menschen über die Hälfte der Einwohner aus der Stadt geflohen und haust in Flüchtlingslagern, die von internationalen Hilfswerken versorgt werden. Ausländische Helfer sprechen von der "größten humanitären Krise in Afrika".

Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi bezeichnete diese Einschätzung am Vorabend des Jahrestages des Einmarschs als "übertrieben". Doch Unicef ermittelte, dass fast 20 Prozent aller Flüchtlingskinder unter fünf Jahre unterernährt sind - mehr als im sudanesischen Darfur.

Nach 15 Jahren ohne funktionierende Regierung hatte Somalia einen Moment der Stabilität erlebt, als 2006 ein halbes Jahr lang die Union der Islamischen Gerichte die Macht ausübte. Doch die Äthiopier, die von den USA unterstützt wurden, beklagten, dass sich unter den Islamisten El-Kaida-Terroristen befänden und das Land zu ihrer Basis machten. Bewiesen wurde der Vorwurf bis heute nicht, doch als Begründung für eine Invasion musste er genügen. Alles, was die äthiopische Armee erreichte, war freilich eine Zuspitzung der Lage.

Bei der Bevölkerung - egal welcher politischen Richtung - sind die Invasoren verhasst. Die auf 8 000 Mann konzipierte afrikanische Friedenstruppe, die die Äthiopier ablösen sollte, hat seit dem Frühjahr lediglich ein Kontingent von 1 700 ugandischen Soldaten, die bisher kaum in Erscheinung getreten sind. Um die Kontrolle der Territorien rangeln wieder viele Clan-Milizen. Die Straßen sind unsicher geworden. Vor der Küste überfallen - nach einer halbjährigen Ruhe während der Islamistenherrschaft - erneut Piraten dort vorbeifahrende Schiffe und verlangen horrende Lösegeldsummen. Im Durchschnitt wird alle zehn Tage ein Schiff gekapert.

Die Islamisten haben sich nach eigenen Angaben in den vergangenen Wochen umgruppiert und bereiten sich auf eine Offensive gegen die Äthiopier und die Übergangsregierung vor. Der neue Übergangspremier Nur Hassan Hussein hat angekündigt, er wolle mit Islamisten und Clanführern verhandeln. Doch diese machen den Abzug der Äthiopier zur Voraussetzung für jedes Gespräch.

 

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