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Kenia steht in Flammen
Der Frust über die Wahlfälschung entlädt sich in Gewalt. Ein Ende der Unruhen ist nicht in Sicht

Marc Engelhardt

01.01.2008. Als die Kirche in Eldoret im Westen Kenias in Flammen aufging, waren noch nicht alle geflohen. Zu übermächtig war der Mob, der die Vertriebenen am Neujahrstag überrascht hatte. Zwischen zehn und dreißig Menschen - die Angaben der Augenzeugen gehen weit auseinander - verbrannten lebendig in den Flammen. Die Opfer waren vor der überall in Kenia wütenden Gewalt in das Gotteshaus geflohen und hatten sich sicher gewähnt. Unter den Toten sollen auch Kinder sein.

Möglicherweise hatte der Vorfall einen ethnischen Hintergrund: Die Volksgruppe der Kikuyu, zu der auch der umstrittene Präsident Mwai Kibaki gehört, ist seit der überhasteten Vereidigung Kibakis am Sonntag Ziel von Angriffen. Im Wahlkampf hatten Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga gleichermaßen die Ethnien gegeneinander aufgehetzt. Der Frust über Kibakis offensichtlichen Wahlbetrug bricht sich in Gewalt Bahn.

Das Massaker von Eldoret ist der traurige Höhepunkt der Unruhen, die Kenia seit Sonntag vom afrikanischen Musterstaat in ein Krisengebiet verwandelt haben. In Nairobis Leichenhalle stapeln sich 45 Tote, in der Heimatstadt von Oppositionsführer Raila Odinga sollen es mehr als 100 sein. Die meisten wurden angeblich erschossen - und Schusswaffen hat nur die Polizei.

Während in Mombasa auch am Neujahrstag Kämpfe tobten, lag Nairobis größter Slum Kibera in den Morgenstunden in gespenstischer Ruhe da. "Die Leute haben sich tagelang gegenseitig umgebracht, es war schrecklich", sagt einer der Bewohner. "Jetzt versuche ich, irgendwo etwas zu essen für meine Familie aufzutreiben." Doch das ist schwer, denn die meisten Läden haben aus Angst vor Plünderungen geschlossen.

Wo sie offen sind, liegt kaum etwas in den Regalen. Seit Heiligabend sind keine neuen Waren mehr eingetroffen. Brot, Milch, Gemüse oder Obst gibt es schon lange nicht mehr. "Ich fühle mich wie im Bürgerkrieg", sagt eine der Kundinnen, die an einer Tankstelle ein paar angeschimmelte Tomaten beäugt und schließlich kauft.

Am Dienstag rief Odinga, der Kibaki einen "zivilen Putsch" vorwirft, seine Anhänger erneut auf, friedlich zu bleiben. "Die Bevölkerung Kenias hat miterlebt, wie ihre Demokratie misshandelt, stranguliert und schließlich umgebracht wurde", hatte der wortgewaltige Politiker vorher erklärt. Seine Unterstützer rief Odinga zur Teilnahme an einem Trauermarsch für die Demokratie am Donnerstag auf. Die Polizei untersagte gestern den Marsch, Odinga will dennoch marschieren: Mindestens eine Million Kenianer erwartet er, friedlich marschierend mit schwarzen Armbinden.

Viele befürchten, dass die Kundgebung in Gewalt enden könnte. Zu autoritär versucht derzeit der Staat, jede aufkeimende Kritik zu unterdrücken. So verhängte die Regierung unmittelbar nach der überhasteten Vereidigung Kibakis am Sonntag eine Nachrichtensperre. "Da halten wir uns nicht dran, wir berichten dennoch live", sagte gestern ein Reporter des Radiosenders Kiss FM, der seinen Namen aber nicht nennen wollte. "Es schwirren so viele Gerüchte durchs Land, dass wir unbedingt über die Fakten informieren müssen - sonst gibt es noch mehr Tote."

Odinga selbst warf der Regierung vor, die Polizei dazu einzusetzen, Angst und Schrecken im Land zu verbreiten. "Es sind nicht die betrogenen Wähler, sondern es ist die Regierung, die ihre Sicherheitskräfte durch das Land schickt, um zu provozieren und Menschen willkürlich zu erschießen." Auf diese Weise solle jeder Widerstand im Keim erstickt werden.

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